Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Julian Baggini: Wie die Welt denkt

Wir Menschen denken verschieden

Julian Baggini gelang eine aufschlussreiche Globalgeschichte der Philosophie

Irmtraud Gutschke

Eine eigene innere Welt aus Erfahrungen und Prägungen – so selbstverständlich scheint sie einem, dass man meint, sie mit allen zu teilen. Dass es unterschiedliche Meinungen gibt, nun, damit ist zurechtzukommen. Wobei dies vielen zunehmend schwer fällt. Weitverbreitet ist zudem die Vorstellung, dass andere Völker sich unserem Weltbild anpassen bzw. sich in diese Richtung entwickeln müssten. Dass sie das nicht tun, mag viele frustrieren. Gerade jetzt in Zeiten großer geopolitischer Verschiebungen hin zu einer multipolaren Welt ist es wichtig, einseitige Denkweisen zu überwinden. Dazu ist dieses Buch auf großartige Weise geeignet.

Der britische Philosoph Julian Baggini hat ein Standardwerk geschaffen, das jeder, der sich für die Entwicklungen in der Welt interessiert, bei sich haben sollte. Ein wertvolles Nachschlagewerk. Mitreißende Lektüre – nicht nur weil sich der Autor aufs Schreiben versteht, sondern vor allem auch durch die vielen lebendigen Beobachtungen, die er den meisten Lesern voraus haben dürfte. Er ist viel gereist, war bei philosophischen Kongressen in vielen Ländern dabei. Ließ sich verblüffen durch die anderswo üblichen Umgangsformen und war immer neugierig, wie und warum sich Weltbilder unterscheiden.

Ein geistiger Prozess, der auch mit Selbsterkenntnis zu tun hat. Persönliche, aber auch historische Prägungen gilt es zu erkennen. Die Epoche der Aufklärung etwa zwischen 1720 und 1800 wirkt in  Europa bis heute nach. Die Betonung von Rationalismus, die Kritik an Religion und absolutistischem Staat im Zusammenhang mit der Emanzipation des Bürgertums – andere Völker haben das so nicht durchlebt. Wobei die Errungenschaften der Aufklärung nicht nur mit der vielgerühmten Toleranz verbunden waren, sondern auch mit einem gewissen Hochmut.

Wie ist Immanuel Kant (1724-1804) zu seinem 300. Geburtstag gerühmt worden. Das haarsträubende Zitat aus seinen Vorlesungen zur Physischen Geographie 1802, das Baggini hier anführt, werden viele nicht kennen. Dabei ist es bezeichnend nicht nur für Überheblichkeit, sondern auch für den Kolonialismus gewesen, der sich das Recht nahm, andere Völker zu versklaven und sie als minderwertig einzustufen: „Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Rasse der Weißen“, sagt Kant. „Die gelben Inder haben schon ein geringeres Talent. Die Neger sind tiefer, und am tiefsten steht ein Teil der amerikanischen Völkerschaften.“ (Womit er wohl die Ureinwohner meint. Dagegen hat Friedrich Engels in „Der Ursprung der Familie, des Privateigentum und des Staates“ die indigenen Gemeinschaften Nordamerikas als Idealbild der klassenlosen Gesellschaft empfunden.)

Wie prononciert sich Julian Baggini einer eurozentristischen Sicht entgegenstellt, macht den Wert des Buches aus. Weil Gewinn ja immer mit Verlust verbunden ist, könnte es vielleicht sein, dass wir durch die durchaus produktive Erfahrung der Aufklärung auch etwas verloren haben? Der Schwerpunkt des Buches liegt auf dem asiatischen Raum. Baggini ist ja bei weitem nicht der erste, der sich  dafür interessiert.  Besonders nahe scheint ihm Indien zu sein, aber er kennt auch China und Japan gut.

In Vorbereitung einer China-Reise haben mich die philosophischen Traditionen dort besonders interessiert, welche ja auch in der Gegenwart wirksam sind: Daoismus, Konfuzianismus, Buddhismus. „Chinesen sind Wegsucher“, stellt Baggini fest. In ihrem Verständnis kommt es vor allem darauf an, wie wir der Existenz entgegentreten und nicht darauf an, was letztlich an ihr wahr sein könnte, denn dies liegt auf jeden Fall jenseits unseres Verständnisses. Die Natur ist die einzige Wirklichkeit, die wir berücksichtigen müssen  – unabhängig davon, ob sie tatsächlich die einzige Realität ist, die es gibt.“

Abstraktes Denken ist natürlich auch in China notwendig und folglich auch hoch entwickelt. Doch ist es, so Baggini, mit einer größeren Hochachtung vor der Erfahrung, der Intuition und mit einem grundsätzlichen Bewusstsein für die Zusammenhänge alles Seienden verbunden. Ein ganzheitliches Verständnis der Wirklichkeit statt jener Denkweise, welche im Westen seit Jahrhunderten üblich ist: Konzentration auf die Erforschung einzelner Erscheinungen. Reduktionismus, als ob das Ganze die Summe seiner Teile sei. Obgleich dieser Herangehensweise wissenschaftliche Fortschritt zu verdanken ist, führt sie zu Schwachstellen in einer Kultur, wenn sie zur Standardhaltung wird. „Die reduktionistische Tendenz macht die Menschen blind für die komplexe Wirkungsweise ganzer Systeme und führt zu einem übermäßigen Vertrauen darauf, dass der Schlüssel zur Lösung von Problemen in der Identifizierung einzelner Elemente liegt.“

Das Buch ist deshalb so interessant, weil es einem Akt der Selbstvervollkommnung folgt. In anderen Kulturen sucht der Autor das, was in der eigenen mangelhaft ausgeprägt ist. Er will etwas hinzulernen und stellt sich Fragen. „Es lässt sich kaum bezweifeln, dass die westliche Denkweise zu sehr auf unsere Kompetenz vertraut, unser persönliches Schicksal zu lenken und zu kontrollieren.“ Dabei sind wir doch „Produkt unserer Gesellschaft, Epoche, Familie und örtlicher Umgebung“. Nur wenn wir das begreifen, können wir mit Unterschieden umgehen, indem man sich die Bedingungen vor Augen führt, die zu den jeweiligen Überzeugungen geführt haben.

Ein ganzes Kapitel gilt dem „atomisierten Selbst“, dem Individualismus, auf den wir in unserer Kultur so stolz sind. Baggini stellt das nicht in Frage, meint aber zu Recht, dass etwas aus dem Gleichgewicht gerät, wenn jeder sich selbst der Nächste ist und der Gedanke des Zusammenlebens in einem Gemeinwesen, welcher insbesondere in ostasiatischen Kulturen viel ausgeprägter ist, verloren geht. Dabei äußert er einen interessanten Gedanken: „Die Zunahme des Populismus und Nationalismus in den westlichen Gesellschaften lässt sich zu einem großen Teil erklären als Gegenreaktion auf die allmähliche Erosion der Zugehörigkeit … Eine größere Intimität oder Zugehörigkeit kann geschaffen werden, wenn die Kluft zwischen den gesellschaftlich Benachteiligten und den Wohlhabenden verringert wird, wenn lokale und regionale Identitäten stärker zum Ausdruck gebracht werden können …“

Julian Baggini: Wie die Welt denkt. Eine globale Geschichte der Philosophie. C.H. Beck, 442 S., geb., 34 €.

Weiter Beitrag

Zurück Beitrag

Antworten

 

© 2026 Literatursalon

Login