Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Michael Stausberg: Die Heilsbringer

Glaube und Macht

„Die Heilsbringer“: Michael Stausberg veröffentlichte eine „Globalgeschichte der Religionen im 20. Jahrhundert“

Von Irmtraud Gutschke

Eine „Globalgeschichte der Religionen im 20. Jahrhundert“ – was für ein umfassendes Projekt sich  Michael Stausberg da vorgenommen hat! Der Professor für Religionswissenschaft an der Universität Bergen wird indes nicht nur bei seinen Fachkollegen ein geteiltes Echo finden, auch bei Lesern, die unter Religion etwas anderes verstehen. Schließlich bedeutet das Lateinische „religio” gewissenhafte Berücksichtigung, was man wohl als Einhaltung von Regeln deuten kann, aber auch als ruhiges Bedenken, staunende Rückbindung an einen Ursprung, an etwas, das man nicht erkennen, woran man nur glauben kann. Vertrauen ins das Offene, an gewisse Demut geknüpft. Viele jener „Heilsbringer“ aber, die der  Autor im vorliegenden Band präsentiert, waren von persönlichem Ehrgeiz getrieben, gegen vorhandene Glaubenssysteme etwas Eigenes zu setzen. „Religiös“ waren sie lediglich in dem Sinne, dass sie auch das Irrationale nutzten, um Einfluss auszuüben. 

Da grüßen vom Buchumschlag Mahatma Gandhi, Osama bin Laden, Joannes Paul II., Martin Luther King und Mao Zedong. Auf der Rückseite kommen der indische Sektengründer Bhagwan Shree Rajneesh, der Sänger Bob Marley, die vietnamesische Nonne Chan Kong und der Gründer von Scientology Ron Hubbard hinzu. Den Buchrücken schmücken Mutter Theresa und der Dalai Lama. Was für ein buntes Gemisch! Menschen, die überhaupt nicht zusammen passen, werden in einen Topf geworfen, und nebenbei werden Fortschrittsbestrebungen diskreditiert, indem man sie in die Nähe von gewaltbereiten Exzentrikern rückt.

So zweifelhaft die Zusammenschau wirkt, so interessant ist das Buch allerdings im einzelnen. Eine tiefgründige Arbeit steckt darin, auf geradezu packende Weise 47 höchst unterschiedliche Persönlichkeiten zu porträtieren, beginnend mit der Amerikanerin Mary Baker Eddy, die vor eigenen chronischen Erkrankungen (Magen, Darm, Rücken) Rettung suchte und mit der „Christlichen Wissenschaft“ eine eigene Theologie entwickeln wollte, und endend mit dem vietnamesischen buddhistischen Mönch Thich Nhat Hanh und seinen populären Predigten der Achtsamkeit. Dazwischen Lew Tolstoi und Rudolf Steiner, Pierre de Coubertin und die Beatles, die Filme von Steven Spielberg und die Bücher von Paulo Coelho, auch Theodor Herzl und Adolf Hitler, die man nun wirklich nicht zusammengespannt sehen möchte. Dass er mit solchem Gemisch verblüfft, ja schockiert, hat der Autor wohl einkalkuliert. „Bei der Beschreibung vieler der im Buch vorgestellten Heilsbringer spielt der Begriff des Charismas eine Rolle“, schreibt er. Überzeugungen, welche auch immer, riefen nach „Beziehungsresonanz“, die zu verstärken durchaus im Sinne moderner Medien ist. Insofern hat er recht: „Das Kreativitätspotenzial des Religionsmachens ist im 20. Jahrhundert noch lange nicht ausgeschöpft worden.“

Michael Stausberg hat unter anderem katholische Theologie studiert und sich später ausgiebig mit dem Zoroastrismus beschäftigt, wobei ihn auch der Zusammenhang von Religion und Tourismus interessierte. „Unter Religion kann man … organisierte Strategien verstehen, das Unkontrollierbare durch Wort und Tat beherrschbar zu machen das Unberechenbare planbar, das Unverfügbare steuerbar, das Absolute nahbar, das Unerreichbare greifbar.“ Gewiss, Religion sucht den Umgang mit Mächten und Kräften. Aber nur als Suche nach Ermächtigung in den Ohnmachtserfahrungen der Welt? Ist es nicht als Missbrauch von Religion zu benennen, wenn die menschliche Fähigkeit, in ein Unendliches zu fühlen, eingespannt wird zum Zwecke von Macht?

Und dennoch: Dieses Buch wird noch Platz finden müssen auf einem meiner übervollen Buchregale. Nicht als „multibiographisches Epochenporträt“, wie der Autor es nennt, sondern als Nachschlagewerk zu einzelnen höchst unterschiedlich zu bewertenden Persönlichkeiten, die hier nicht nur mit ihren Theorien, sondern auch in ihrem jeweiligen Werdegang aus der Distanz differenziert verständlich gemacht werden.

Michael Stausberg: Die Heilsbringer. Eine Globalgeschichte der Religionen im 20. Jahrhundert. C.H. Beck,
781 S., geb., 34 €.   

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