Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Hermann Kant in Prälank und Neustrelitz

„Ich halte mich durch“

Zum 100. Geburtstag von Hermann Kant

Am Prälanksee, nahe Neustrelitz, war ab 1994 sein Lebensmittelpunkt. Der Bungalow, 1968 auf einem gepachteten Acker gebaut, hat mit Vera Oelschlegel, und später mit Marion Kant, den zwei Töchtern Jessica (aus Marions erster Ehe), Deborah und dem Sohn Myron glückliche Tage gesehen. Dass seine Frau nach England zog und die Kinder mitnahm, war für Hermann Kant ein bleibender Schmerz. An der Universität Cambridge hatte sie als Tanzhistorikerin eine Anstellung gefunden, nachdem sie 1990 von der Akademie der Künste in Berlin entlassen worden war. Die Kündigung brachte sie mit ihrem Namen in Verbindung. Er war zu dieser Zeit eine der öffentlich meistgeschmähten Personen, zumal er sich nicht von der DDR distanzierte. Zudem war er mit IM-Vorwürfen konfrontiert, gegen die er sich vor Gericht erfolgreich wehrte. Freilich hatte das MfS im Schriftstellerverband – so wie mancherorts – seinen Vertreter, der meldete sich auch zuweilen in Kants Büro. Doch dieser Vorgang sei so geheim gewesen „wie der Alexanderplatz“, so seine Erklärung. Immer sei er ein selbstbestimmter Mensch gewesen.

Als er seine Wohnung in Berlin-Hessenwinkel verlor, zog er 1994 in sein Sommerhaus. Um den Nachtspeicherofen herum ließ er sich einen Holzverschlag bauen mit Schreibtisch und einem Sessel. Ein Bild von Stefan Hermlin hing an der Wand. Er verehrte ihn, weil er ihm als jungem Autor mit Lob entgegengekommen war.

Der junge Autor Hermann Kant: Sohn eines Hamburger Straßenkehrers. 1940 zog die Familie nach Parchim. Er hatte Glück mit einer Elektrikerlehre, doch im Dezember 1944 musste er in den Krieg. Am 20. Januar 1945 geriet er in Gefangenschaft, kam erst ins Gefängnis, dann in ein Arbeitslager, das sich auf dem Boden des Warschauer Ghettos befand, wo er zum Mitbegründer eines Antifa-Komitees wurde. Mit dieser politischen Haltung kehrte er Ende 1948  aus Polen zurück und trat in die SED ein. Dass er ab Oktober 1949 an der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät in Greifswald studieren durfte, empfand er es als nie geahntes Glück. Als Armeleute-Kind war ihm nicht mal das Gymnasium möglich gewesen.

In seinem berühmten Roman „Die Aula“ blickt er auf diese Zeit zurück, erzählt auf erfrischende Weise von jungen Leuten, die wie er   selbstbewusst jene Chancen wahrnahmen, welche ihnen der junge Staat bot. Eine Schneiderin wird zur versierten Augenärztin. Ein unbedarfter Forstarbeiter mausert sich zu demjenigen, der im Ministerium für den Wald zuständig ist. Kant selbst studierte ja dann Germanistik. Es ist der Roman einer Emanzipation, begonnen am 13. August 1962, dem Jahrestag des Mauerbaus, über den sich nicht wenige Intellektuelle im Osten mit dem Gedanken trösteten, abgeschottet vom Westen könne es mehr innere Freiheit geben. 1965, als das Buch erschien, war das schon Illusion. Auch diese Ernüchterung steckt im Roman. Doch gerade weil von der übermütigen Aufbruchstimmung nicht mehr viel geblieben war, wurde eine millionenfache Leserschaft davon begeistert.

Ziemlich unbekümmert habe er „in einer Loggia In Weißensee, im Winter mit Heizlüfter“ auf seine Schreibmaschine eingedroschen, erzählte er mir. Sein nächster Roman, „Das Impressum“, sei ab Januar 1967 weitgehend in Prälank entstanden. Doch vor der Veröffentlichung 1972 lag er im Verlag Rütten & Loening drei Jahre lang auf Eis. Eine Zurückweisung mit absurden, fadenscheinigen Begründungen, wie sie Kant nicht für möglich gehalten hatte. Er war damals schon Vizepräsident des Schriftstellerverbands (1976 wurde er Präsident), hätte aus Protest zurücktreten können. Aber er wollte sich nicht kleinkriegen lassen, wollte im Spiel bleiben.

Der Mensch Hermann Kant: Sein Charakter findet sich in seinen Büchern – scharfzüngigen Erzählungen wie „Der dritte Nagel“ und „Eine Übertretung“, hintersinnigen Romanen wie „Okarina“, „Kormoran“ und „Kennung“, ganz besonders aber in „Der Aufenthalt“. „Ich halte mich durch“ sagt Mark Niebuhr, sein Alter Ego, da. Und das bezeichnet auch den Autor, der seine Hemden bügelte, sich schreibend in einer geschliffenen Sprache gefiel und in dieser rhetorischen Rüstung auch zur Anhörung ins SED-Politbüro ging. Der etwas bewegen wollte im zunehmend verknöcherten Staat DDR und dem deshalb seine politischen Funktionen wichtig waren. Er hatte mit Intrigen zu tun und traf Entscheidungen, denen er dann unablässig nachgrübelte.

Seit 2007, als das Buch „Die Sache und die Sachen“ entstand, bin ich mit ihm im Gespräch gewesen, habe ihn als nachdenklich und offen erlebt. Im Dezember 2014 gab er mir in seinem Bungalow ein letztes Interview. Wie nahe ihm damals schon die Kriegsängste von heute waren und wie nüchtern die Befunde, seine eigene Zukunft betreffend, geht mir unter die Haut. Eine Verfügung über sein Begräbnis in Prälank hatte er längst getroffen. Mehrere Verkehrsunfälle hatten ihn gewarnt – er fuhr ja leidenschaftlich Auto. Die künstlichen Herzklappen, das wusste er, hatten ihre Haltbarkeit überschritten. Im Juli 2011 war er dem Tode nah gewesen, als er mit einer Entzündung am Herzen in seinem Haus auf dem Boden lag. Aber seine Biographin Linde Salber spürte beim Telefongespräch eine Gefahr und alarmierte seinen Arzt. Dr. Reiner Matthes eilte aus Kyritz herbei und rief die Rettungskräfte.   

„Ich hätte so schön tot sein können“, sagte Hermann Kant, als ich ihn im Krankenhaus besuchte. Das wurde dann der erste Satz in seiner kleinen Erzählung „Ein strenges Spiel“, deren Veröffentlichung im Band „Therapie“ er schon nicht mehr erlebte. Nach einem schweren Sturz musste er in ein Heim für betreutes Wohnen ziehen. Für unser Buch ist er mit dem Auto nach Berlin gefahren, nun reiste ich zu ihm nach Neustrelitz. Als er im Sommer 2016, nach einem weiteren Sturz operiert, im DRK-Krankhaus Mecklenburg-Strelitz auf der Intensivstation lag, wollte er so nicht angetroffen werden. Ich musste wegfahren, ohne ihn noch einmal wiedergesehen zu haben.

Am 14. August 2016 ist Hermann Kant gestorben. Wenigstens gab es zwei Monate vorher noch eine große Geburtstagsfeier im voll besetzten Landestheater. Bis spät abends drängten sich begeisterte Leser um seinen Tisch. Schon fast blind, gab er Autogramme.

Irmtraud Gutschke hat unter dem Titel „Die Sache und die Sachen“  Gespräche mit Hermann Kant veröffentlicht und den Band „Therapie“ mit seinen Erzählungen und Essays herausgegeben (beide im Aufbau Verlag lieferbar).

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