Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Stefan Seidel: Durch die Angst gehen

Vertrauen ins Offene

Irmtraud Gutschke

Allein schon normale Veränderungen schaffen Unsicherheit. Nicht Kontrollierbares macht Angst. Ins Offene gehen? Viele zweifeln ja schon daran, dass es das Offene überhaupt gibt. Ältere bekommen den Gedanken nicht los, dass sie – wann wohl – diese Welt verlassen müssen. Und Jüngere haben es nicht besser, wenn sie die Erde auf eine Apokalypse zusteuern sehen. Dass die Natur sich für ihren dauernden Missbrauch rächen wird, schon kleinen Kindern wird die Katastrophe an die Wand gemalt. Und wachsen sie heran, hören sie von Wehrpflicht reden und fürchten sich (zu Recht) vor einem großen europäischen Krieg. Und diesen äußeren Schreckensfaktoren will dieses Buch mit gutem Zureden entgegenstehen?

Weil vielen diese Frage kommt, wenn sie den Titel lesen, soll sie hier auch laut gestellt werden, damit sie auch laut beantwortet werden kann: Tatsächlich hilft dieses Buch. Es hilft, in sich zu gehen, sich zu sammeln, mutiger zu werden, all die Schreckgespenster, die uns umgeben, auch als solche zu erkennen. Denn die Angst ist ein Mittel der Macht, die uns gefügig machen will. Das böse Spiel durchschauen, auch das ist für viele nicht einfach. Und wenn es gelingt, kann alles ausweglos erscheinen. Groll und Ohnmachtsgefühle, gemischt mit einem Empfinden von allgemeinem Niedergang: Dagegen steht dieses Buch.

Es hängt von den jeweils Lesenden ab, wie sie den Autor sehen: Als wortmächtigen Prediger oder als einfühlsamen Therapeuten, der einem gegenübersitzt und alle Beschwernisse aus eigener Erfahrung kennt. Stefan Seidel ist beides: Theologe und Psychologe. Er kann christlich geprägte Menschen bestärken ebenso wie solche, denen Gottgläubigkeit fremd ist. Die ganze Zeit hatte er beim Schreiben diese und jene im Blick und wusste hinter sich viele andere kluge Denker, auf die er sich beziehen kann. Spielerisch leicht bewegt er sich durch die Weltliteratur ebenso wie durch theologische Texte. Und er hat auch selbst eine literarische Gabe. Mit eingängiger Sprache nimmt er einen beim Lesen mit. Man ahnte ja vielleicht gar nicht, wie viele große Geister der Vergangenheit sich schon mit dem Thema Angst beschäftigt haben. Allein das ist ja schon tröstlich: Unsere Gefühle, die uns so besonders erscheinen, haben andere vor uns ebenso geteilt. Und überwunden, überstanden. Indem sie diese Welt verließen, in der Hoffnung, in ein größeres Universum einzugehen.

Diese Hoffnung, für die einen mit Jesu Christi verbunden, für die anderen mag sie diffuser sein und wird allzu oft nicht eingestanden. Die Grabmale der chinesischen Kaiser waren riesige unterirdische Paläste, luxuriös eingerichtet entsprechend ihres gewohnten Lebens. Immer schon träumten die Menschen, irgendwie nicht ganz zu verschwinden. Und sei es als Energie, die doch nicht verloren gehen kann. Hoffnung aus der Quantenphysik?

Der Tod spielt in diesem Buch eine Rolle, aber nicht die hauptsächliche. „Es riecht nach Weltuntergang“, so wird die Dichterin Christine Lavant zitiert. Stefan Seidel sieht derzeit verschiedene Krisen miteinander im Zusammenhang und macht ganz weltliche Gründe dafür verantwortlich, was auch heißt, sie lösungsorientiert an einer gemeinsamen Wurzel zu packen: „weg von der Anbetung des Profitdenkens und dem Glauben an rettende Gewalt, weg von der Unterwerfung unter dem Vorrang ökonomischer und militärischer Maximen, weg von Empathielosigkeit und Egoismus, Beziehungsunfähigkeit und Beherrschenwollen, weg von Angst und Angstmachen … Stattdessen müsse es um ein Gegensteuern gehen, „nach anderem gesucht und anderes für möglich gehalten werden“,

Sich nicht der verbreiten Hoffnungslosigkeit ergeben, der Vorstellung von Alternativlosigkeit entkommen – Stefan Seidel findet dafür einen griffigen Begriff: „Katastrophenspektakel“ –, sondern sich für eine bessere Zukunft zum Handeln aufraffen: Dieses Buch ist politisch, indem es auf humane Gegenkräfte setzt. Wie Menschen von gesellschaftlichen Verhältnissen geprägt, ja oft genug deformiert werden, erleben wir ja. Aber es wäre vulgärer Materialismus, würde man die Kraft des Subjektiven übersehen. Um Bestärkung anzubieten, schreitet der Autor ein großes Spektrum von Möglichkeiten aus: vom persönlich Spirituellen bis zum politisch Eingreifenden. Immer hat er ein notwendiges gesellschaftliches Miteinander im Blick. „Denn Leben heiße letztlich nichts anderes als „Verantwortung tragen für die rechte Beantwortung der Lebensfragen“, so zitiert er den Psychoanalytiker Viktor Frankl, der Auschwitz überlebte. Verantwortung auch für die eigene mentale Gesundheit, indem man bewusster mit den täglichen Nachrichten, Informationen und medialen Einflüssen umgeht. Zitiert wird die Journalistin Maren Urner, die von  notwendiger Medienhygiene spricht.

Dabei liegt das Besondere dieses Buches auch in seiner Komposition. Der Untertitel „Das Alphabet der Hoffnung“ wird vom Autor ernst genommen, indem er tatsächlich ein A bis Z vorlegt. Von „Abschiedlich existieren“ bis „Zeugenschaft“ – mit dieser Gliederung erlegte er sich Zwänge auf. Doch lesend sah ich mit Vergnügen, wie virtuos er damit umgeht. Alle seine Gedanken sollten in den Text, doch musste er sich auch nach dem Alphabet richten. Nicht zuletzt die damit verbundene geistige Beweglichkeit macht so das Buch so interessant. Wort-Arbeit: Es ist ein großer, mitreißender Essay. Schon in Stefan Seidels früheren Büchern – „Grenzgänge“ und „Entfeindet euch!“ – erwies sich dieses Talent.

Offen zeigt er sich als evangelischer Christ, hält sich allerdings nicht so sehr an kirchlichen Dogmen fest, sondern sucht nach einer Spiritualität, die darüber hinaus greifen, viel mehr Menschen zu erreichen vermag. Es ist ihm klar, wie Mystik auch eine Brücke zum Atheismus sein kann, indem das Göttliche sehr weit gefasst wird – als großer Zusammenhang – und der einzelne die Freiheit erhält, bewusst „ins Offene“ gehend, es auf seine Weise zu erfahren. Als Kraftquell, weil ein „inneres Aufstehen“ nötig ist. Erst einmal individuell, wäre es die Voraussetzung für eine größere Solidarisierung. Die Angst sei wohl tatsächlich ein Signal dafür, „dass eine Veränderung und ein In-Ordnung-Bringen nötig sind“.

Stefan Seidel: Durch die Angst gehen. Das Alphabet der Hoffnung. Claudius Verlag. 167 S., br., 22 €.

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