Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Christine Burgartz: Was zwischen zwei Menschen geschieht

Männer-Muster

Christine Burgartz spiegelt die letzte Lebensphase von Brigitte Reimann in einem Roman. Und an ihrem eigenen Leben.

von Irmtraud Gutschke 

Die Autorin legt Wert darauf, dass es eine „fiktionale Geschichte“ ist, lediglich inspiriert „von realen Ereignissen“. Dabei dürfte klar sein, dass schon ihr Name Neugier weckt. Denn Christine Burgartz ist die Tochter von Brigitte Reimanns letztem Ehemann, an dem sie, vorab gesagt, kaum ein gutes Haar lässt.

In den letzten Jahren hat es, angefacht vom 100. Geburtstag ja eine regelrechte Reimann-Euphorie auf dem deutschen Buchmarkt gegeben: mit zahlreichen Publikationen im Aufbau Verlag, darunter einer fulminanten Biographie von Carsten Gansel. Daran schließt dieser Roman auf eine ganz eigene Weise an.

In 53 Kapiteln kommen uns abwechselnd zwei Frauen entgegen, die einander nicht kennen konnten, aber in geistig-emotionaler Verbindung stehen: Kristen, die man als Alter Ego der Autorin versteht, und die berühmte Schriftstellerin, 1933 geboren und 1973 an Krebs gestorben. Danach hat der Arzt Rudolf Burgartz, noch einmal geheiratet und Kinder bekommen. Die Autorin ist Jahrgang 1978. Aus ihrer Gegenwart springt sie immer wieder in Brigitte Reimanns Leben. Ein literarisches Spiel: Im Erfunden sucht man das Reale. Das gibt der Lektüre Reiz.

Kristen entstammt einer schwierigen Ehe. Die Mutter schroff und kalt, der Vater dominant. Dr. Rudolf Burgartz ist am 19. März 2015 gestorben. Man kann ihn nicht mehr fragen, ob er wirklich die letzten Tagebücher von Brigitte Reimann nach ihrem Tod verbrannte. Das Motiv wäre klar: Er kommt schlecht darin weg. Die Reimann, bereits krank, habe gute Tage mit dem zehn Jahre jüngeren Rudi gehabt, den sie auch „den Dicken“ nannte, heißt es in Carsten Gansels Biographie. Sie fühle sich „zum erstenmal nach langer Zeit geborgen, aufgehoben, beschützt an der breiten Brust meines Geliebten“, so schreibt sie in „Alles schmeckt nach Abschied“. Aber wer weiß, ob es nicht auch zu Spannungen kam?

Wie Kristens Beziehung zu dem attraktiven Architekten Julius auseinanderging, ist die zweite Handlungslinie des Romans. Er zog bei ihr ein, wollte Kinder, wurde aber bald herrisch und aggressiv wie ihr Vater. Männer-Muster werden vorgeführt. Weibliche Entschlossenheit wird dagegen gesetzt. „Für alle Frauen auf der Suche nach Befreiung“ – mit diesem Motto gibt die Autorin eine Deutung vor. Das Anregende ist, wie man die genau beschriebenen Szenen auf sich wirken lassen, Wertungen teilen oder sie auch relativieren kann. 

Sollte man denn Rudolf Burgartz nicht verstehen? Nicht mal Dreißig war er, als er sich 1970 in die todkranke Berühmtheit verliebte. Er gefiel sich als Beschützer und erlebte, wie unwichtig er war, verglichen mit dem literarischen Werk, dem Brigitte ihre letzte Kraft widmete. War er vorher schon ein Trinker? Wurde er es erst? „Wäre sie als Mann auf die Welt gekommen, müsste sie sich nicht dafür rechtfertigen, ihrem Beruf nachgehen zu wollen“, heißt es im Buch. Wie viele Frauen haben schon so gedacht! Muss Emanzipation ihren Preis haben? Selbstverwirklichung und Zuwendung an geliebte Menschen – wie bringt man das zusammen? Schreiben und in vollen Zügen leben: Indem eine Frau von heute das Lebenskonzept der Schriftstellerin in sich spiegelt, ist ein lesenswerter Reimann-Roman  gelungen.

Christine Burgartz: Was zwischen zwei Menschen geschieht. Roman. Aufbau Verlag 2026, 193 S., 22 €

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