„Doña Quichote“ aus Mecklenburg
Gerti Tetzner: Ihr Roman „Gegen Wind“ von 1981 erscheint erst jetzt als Buch
Irmtraud Gutschke
„45 Jahre nach dem Verbot durch die DDR-Zensur“: Als ob dies ein Gütesiegel wäre! Wobei der Aufbau Verlag sich zugutehalten kann, nach der Neuausgabe von „Karen W.“ im vorigen Jahr nun ein weiteres Buch von Gerti Tetzner herausgegeben zu haben. Beide Editionen sind mit Carsten Gansel verbunden, diesem beharrlich recherchierenden Literaturprofessor, der dem Bild der DDR-Literatur in der Öffentlichkeit über die Jahre Wesentliches hinzufügte.
Auf ein Nachwort von ihm wäre ich gespannt gewesen, doch er lässt die inzwischen 89-jährige Autorin in einem langen Interview zu Wort kommen. Noch aufgewühlt vom Ende ihres Romans, vermeint man nun, ihre ruhige, freundliche Stimme zu hören. Wie sie von einer Frau inspiriert wurde, die einen Kindergarten leitete und sich selbst einen Rest von Kindlichkeit bewahrt hatte, erzählt sie. „Schlitzohrig und verblüffend“ habe diese Ursula sich „durchlaviert“. Warum sie ihre Geschichte aus männlicher Sicht schrieb? Weil sie, angeregt durch Christoph Heins „Der fremde Freund“, mal Lust hatte auf einen Rollentausch. Auch kannte sie einen Mann, der Leistungssportler gewesen war und „richtig zerstört“ wurde, nachdem man ihn fallen gelassen hatte. Überhaupt würde es bei ihr nicht so über „den Kopf“ laufen. „Bei mir kam es immer aus dem Leben.“
Kristina und Hinrich im Roman: Zwei ganz unterschiedliche Menschen, voneinander angezogen. Sie erfüllt von dem ehrgeizigen Projekt, aus ihrem Kindergarten etwas Besonderes, Zukunftsträchtiges zu machen. Er, Anstreicher von Beruf, ein dicklicher Mann, verletzt von seiner Ex-Frau, grübelnd und voller Sehnsucht nach Geborgenheit. Als Ich-Erzähler im Buch verliert er den bewundernden Gesichtsausdruck nicht, mit dem er auf die energiegeladene Frau schaut. Nachdenklich ist er, und Gerti Tetzner gibt ihm eine wunderbare Beobachtungsgabe mit.
Was für eine einprägsame Szene schon zu Beginn: Auf dem Balkon von Kristinas Wohnung wird „gemahlzeitet“. Eine leuchtende kleine Tafel mit selbst bereiteten Speisen, Plaudern, Lachen, fünf Leute öffnen einander ihre Herzen. Dass dieses „Balkönchen“ wie „eine paradiesische Insel“ sei, kommt Hinrich in den Sinn. Wollte die DDR nicht mal eine „Menschengemeinschaft“ sein, überlege ich. Unter Ulbricht kam der Begriff mit dem Attribut „sozialistisch“ gar in die Verfassung. Unter Honecker wurde er durch „real existierender Sozialismus“ ersetzt. Darüber kursierten Witze, aber im Ernst: Was ging da von der Utopie verloren?
Für Nachdenklichkeit unterschiedlichster Art ist der Roman offen. Was die Autorin womöglich gar nicht so bezweckte. Doch wie sie Hinrich auf Kristina blicken lässt, entsteht ein Spannungsfeld, in dem man sich lesend selbst positioniert. Die private „Oase“ (so sollte der Roman ursprünglich heißen) hat ja in Kristinas Idee vom „grünen Haus“ ihr Pendant. Hinrich soll bei der Renovierung des Kindergartens helfen, welcher nicht so sehr ein Ort der Bildung und Erziehung sein sollte, wie in der DDR verlangt, sondern einer für Freude und Freiheit. „Nackte Kinderkörper sprangen aus Gebüsch und Baumschatten, schossen über den Rasen, wälzten sich auf Heuschwaden, warfen sich unter lang gezogenen Schreien ins Badebecken wie in ein Unmeer.“ Was für ein Kontrast zu Hinrichts Kindheit (und auch zu meiner, als ich mich erfolgreich gegen einen katholischen Kindergarten wehrte).
Da öffnet der Roman einen riesigen Diskussionsraum ins Heute. Es ist ja schön, dass Kinder Wände bemalen dürfen, aber lernen sie auch was? Klar, dass Kristina in einem auf Disziplinierung ausgerichteten System unter Druck geraten würde. Wobei es der Autorin gelingt, Abstufungen deutlich zu machen, die es dennoch gab. Beate, Kristinas Vorgesetzte, lastet ihr an, dass Kinder aus ihrem Haus „die schwierigsten und undiszipliniertesten Schüler wurden“. Für „eine Leistungsgesellschaft untauglich“. Warum sie die Aufsässige dennoch förderte? „Weil sie, Beate, die Welt und die Kinder, wie Kristina sie machen wollte, auch wünschenswert fand.“
Eine „Doña Quichote“ aus Mecklenburg: Sie will nicht lavieren, sondern rennt „geradlinig gegen eine Mauer“, was der Autorin großartig und gleichzeitig „doof“ findet. Carsten Gansel hat wohl Recht mit seiner Bemerkung, dass es ein fast parabelhaftes Erzählen ist. Dieser Roman, einem Gesellschaftsideal verpflichtet, geht aufs Ganze, stellt der DDR eine Quittung aus, die ebenso das heutige Deutschland betrifft. Er konfrontiert uns mit einem Lebensanspruch, so riesig, so unerfüllbar und zugleich doch so selbstverständlich.
Mitte der 70er Jahre hatte sie zu schreiben begonnen, erzählt Gerti Tetzner. Damals war von einem Gleichgewicht des Schreckens die Rede, es sei um die atomare Aufrüstung gegangen, fügt Carsten Gansel hinzu. Deutschland sollte nicht zum Kriegsschauplatz werden, auf diese Frage spitzte sich alles zu. Kampf der Systeme, auch kulturell. Und da ballte eine Autorin alles in einem Roman zusammen, was ihr an der DDR missfiel: Disziplinierung, Bürokratie, Leistungssport, die Umweltthematik … „Ein bisschen überfrachtet“ mit Problemen, gibt sie heute zu. „Aber das kam wahrscheinlich daher, weil vieles totgeschwiegen wurde.“
Verächtlich hat der Lektor im Mitteldeutschen Verlag das Manuskript damals von sich geschoben. Dass sie mit Luchterhand einen Vertrag unterzeichnet hatte, wo bereits der Roman „Karen W.“ erschienen war, wurde für Gerti Tetzner zum Problem. In einer Wohnung, wo sie unter der Hand lebte, bekam sie „Besuch“ vom MfS: Wenn sie das Buch im Westen veröffentlichen würde, könne sie auch gleich gehen. Doch sie hatte viele Gründe, bleiben zu wollen.
Zwischen Kaufrausch und Ermattung ist Kristina am Schluss wie erloschen. Und Gerti Tetzner, getroffen von der Absage, hat dann begonnen, für Kinder zu schreiben. Die DDR-Kinderliteratur: Wie vieles gäbe es da noch zu entdecken!
Gerti Tetzner: Gegen Wind. Roman. Mit einem Interview von Carsten Gansel. Aufbau Verlag, 240 S., geb., 24 €.