Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Die verlorenen Zaubersprüche

Verneigung vor Gänseblümchen und Motten

Von Irmtraud Gutschke

Der Titel fasziniert auf den ersten Blick, und die Gestaltung des Buches mit den Malereien von Jackie Morris ist so schön, dass man den Band nicht aus der Hand legen mag. Bilder von Tieren und Pflanzen, die bezaubern. Die staunen machen: So viele ist Mottenarten gibt es wirklich. Ginster und Gänseblümchen kennt man, Fuchs und Mauersegler auch, Schleiereule, Reiher … Dass der Band in der Reihe „Naturkunden“ bei Matthes & Seitz erschien, bedeutet indes nicht, dass es ein Sachbuch ist, obgleich die feinen, genauen Illustrationen der auch der Anschaulichkeit dienen. Der Titel soll auch nicht verführen, die Texte ins Esoterische einzuordnen. Es handelt sich nicht um Sprüche, die verloren waren und mit denen man heute zaubern lernen könnte.

Es sind Gedichte. Der Brite Autor Robert Macfarlane ist Autor bereits mehrerer preisgekrönter Bücher, mit denen er uns in die Natur mitnimmt „Karte der Wildnis“, „Alte Wege“, „Unterland“ und „Die verlorenen Wörter“ bei Matthes & Seitz sind nur einige von ihnen. „Verlust bestimmt die Melodie unserer Epoche“, schreibt er in der Einleitung zu vorliegendem Buch. „Lebewesen, Orte und Wörter verschwinden, Tag für Tag, Jahr um Jahr. Aber in dunklen Zeiten wurde immer gesungen – und Staunen braucht es heute mehr denn je.“

So fand er für seine Gedichte einen ganz eigentümlichen Ton. Er verneigt sich gleichsam vor den einzelnen Pflanzen und Tieren, die ihm vor Augen kommen, stellt sich vor, wie er mit ihnen spricht. Verbindung aufnimmt zu ihnen, im Bemühen, etwas von ihnen in sich selbst zu entdecken. „Hohepriesterin des Rauchfangs“, so ruft er die Dohle an, „Glöcknerin mit wachem Blick“. Wie ein Lied klingt seine Hinwendung zum Eichelhäher. Und wie viele Namen findet er für den Mauersegler. Die Nachdichterin Daniela Seel hat fürwahr ein Kunststück vollbracht.

Robert Macfarlane & Jackie Morris: Die verlorenen Zaubersprüche. Aus dem Englischen von Daniela Seel. Matthes & Seitz, 120 S., geb., 22 €.

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