Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Albert Wendt: Tok-Tok im Eulengrund

Drei Frauen und ein Kinderschreck

Albert Wendt: „Tok-Tok im Eulengrund“ ist ein Fest der Fantasie

„Goldmarie sprang in den Brunnen und landete auf einer himmlischen Wiese, Alice fiel in ein Kaninchenloch und schwebte hinab in ein Wunderland, Robinson Crusoe wurde auf eine einsame Insel gespült und blieb dort achtundzwanzig Jahre, ich schritt durch Müll, über zerfetzten Maschendraht in einen Dornenwald.“ – Für Leser von zwölf Jahren an und so lange, wie das Leben reicht, verspricht dieses Buch Spannung und Vergnügen. Doch mehr noch als den Lesenden hat es wohl dem Schreibenden Lust bereitet. Ein guter literarischer Text entwickelt sich ja oft aus sich selbst heraus. Das Suchen nach der der passenden Formulierung vorausgesetzt, ist das Faszinierende dabei, wie ein Einfall aus dem anderen wächst, so dass es den Autor selbst überrascht. Albert Wendt, so scheint mir, schreibt wohl auf diese Weise. Gern bringt er sich selbst in eine Geschichte, diesmal sogar als Ich-Erzähler ganz direkt.

Der „Kahle Baba“, von drei Frauen als Kinderschreck engagiert, entpuppt sich nämlich bald als Schriftsteller. Sein schwachsinniges Stammeln ist nichts als Verstellung, und grimmig kann er gar nicht sein. Warum aber brauchen die Frauen solch einen Wächter? Was haben sie zu verbergen in der stillgelegten Fabrik? Verwahrlosung ist hier eine Maske, „vorgetäuschte Harmlosigkeit“ nennt es die Anführerin Tok-Tok. Aber Verfall und Obdachlosigkeit gibt es wirklich in diesem reichen Land. Wissemschaftliche Entdeckungen sind immer in Gefahr, zu menschenfeindlichen Zwecken ausgenutzt zu werden. Doch das klingt nur nebenbei an. Im Vordergrund stehen alle möglichen ernsten und heiteren Turbulenzen. Albert Wendt hat sich an der lieblichen Rose erfreut, die sich in „Rose-Rad-ab“ verwandelt, wenn sie in die Stadt geht, um aus Mülltonnen Futter für die Tiere zu holen, an der begeisterten „Glüh“, die als einstige Kampfsportlerin mehrere Männer auf einmal zu besiegen vermag, an der würdig-strengen Dame Tok-Tok und natürlich an der Kinderschar, die der Ich-Erzähler eigentlich gar nicht verjagen möchte.

Was wahrscheinlich sein könnte und was nicht, damit sollte man es beim Lesen nicht so ernst nehmen. Reales vermischt sich mit Märchenhaftem. Ein Geist wird vermutet, ein Kobold taucht auf, weibliche Anziehungskräfte bringen die Ordnung durcheinander. Sowieso mag dieser Autor das Wilde lieber als das Geordnete und kann in dieser Hinsicht ermutigen. Lass dich nicht einengen, vertrau deiner Lebendigkeit, schätze den glücklichen Augenblick. Etwas Aufmüpfiges steckt tief in seinen Texten – wider alles Genormte, wider strenge Regeln. Und eine große Zärtlichkeit. „Dass in jedem Leben etwas Großartiges ist“, denkt der „Kahle Baba“, während er die wütende Ziege „Cora X-Bein“ an sich drückt, die ihm die Manschette seines Hemdes abkaut. „Was hielt ich da für ein unfasslich hoch organisiertes Bündel Leben im Arm.“ Und während er so sinniert, brüllen gemietete Schläger herum. Aber die bösen Männer müssen natürlich den Kürzeren ziehen.

Verraten wir das Geheimnis nicht, auf das die Handlung zuläuft. Dass der Autor für sein Buch einige Namen aus dem Drama „Sturm“ des Engländers „Schüttelspeer“ entnommen hat, tut eigentlich nichts zur Sache. Überraschend ist der Schluss: ein Palast mit marmorner Treppe, eine blendend schöne Dame, die ihre Zofe schlägt, ein riesiges Schwimmbecken voller Krokodile, ein Bodyguard mit falschem Lächeln – deutet sich hier etwa eine Fortsetzung an?

Irmtraud Gutschke

Albert Wendt: Tok-Tok im Eulengrund. Das Geheimnis der Vogelfrau. Jungbrunnen Verlag. 155 S., geb., 15 €.

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