Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Daniela Dahn/Rainer Mausfeld: Tam Tam und Tabu.

Vom Eindruck einer „freien Wahl“

Daniela Dahn und Rainer Mausfeld wecken Erinnerungen, die fast schon vergessen waren.

Von Irmtraud Gutschke

Das klebrige Zeug kannte ich noch nicht, und es war peinlich, wie sich andere danach bückten. Ich sehe noch vor mir, wie am 14. März 1990 während der Buchmesse in Leipzig bei sonnigem Wetter von einem Lastwagen Mars-Riegel in die Menge geworfen wurden, als Werbung für die Kundgebung von Helmut Kohl auf dem Karl-Marx-Platz, der heute Augustusplatz heißt. Im Messehaus am Markt nutzten Westverlage schon mal die Gelegenheit, ihre Ladenhüter loszuwerden. Mit der Pressefrau vom Heyne Verlag sprach ich über Horrorliteratur, die wir bestenfalls als klassisches Genre kannten. Was suchen die Leute bei Stephen King? Ablenkung, sagte sie, Erholung vom Horror, den sie in ihrem Alltag haben.

Nun, so schlimm würde es hoffentlich nicht werden. Das Westfernsehen zeigte unablässig Bilder von glücklichen Menschen, die nach ihrem Weggang aus der DDR sofort Arbeit und Wohnung fanden. Die Kamera verweilte auf Geldscheinen, die ihnen ausgezahlt wurden. Meine Eltern, etwa so alt wie ich jetzt, kamen im Dezember 89 nach Berlin und fuhren mit uns „nach drüben“. „Das wird wieder eins“, sagte meine Mutter, als wir am U-Bahnhof Leinestraße ausstiegen. Mein Vater schwieg, es tat ihm weh. Am 28. November hatte ich für „ND“ über die Pressekonferenz geschrieben, wo Christa Wolf und Stefan Heym den Aufruf „Für unser Land“ vorstellten. Hernach musste ich eine Unmenge von Leserbriefen beantworten. Die meisten zustimmend, einige voller Selbstbezichtigungen, dass sie hätten mutiger für einen Sozialismus eintreten sollen, der diesen Namen auch verdient. Einer aber schrieb, diese Chance sei viel früher vertan worden, und er nannte Beispiele. Dass ich heute jung sei, antwortete ich, und an künftige Chancen denke.

Bei der Lektüre des Buches „Tam Tam und Tabu“ kommen persönliche Erinnerungen hoch, die bei bei jedem anders sein werden. Man staunt, was man inzwischen vergessen hat, weil es überlagert wurde von anderen Bildern. Maueröffnung: Menschenmengen laufen bei ARD und ZDF auf die Kameras zu. Und eine Frau weint Freudentränen: „Wahnsinn!“ Dagegen erinnere ich mich, wie wir auf der Berliner Oberbaumbrücke unsere Personalausweise hochhielten, den Grenzbeamten zulachten: „Wir kommen wieder.“ Freilich, viele sind später drüben geblieben und dabei unterstützt worden. Die Krise der DDR konnte nicht tief genug sein, um den Beitritt zur BRD zu erzwingen.

„Feindliche Übernahme auf Wunsch der Übernommenen“ nennt es Daniela Dahn in Bezug auf den Osten. „Freiwillige Selbstentmündigung“, nennt der Psychologieprofessor Rainer Mausfeld, Autor von Büchern wie „Warum schweigen die Lämmer“ und „Angst und Macht“, dieses Phänomen, das er gerade auch für die Gegenwart untersucht. Wie so etwas abläuft, welche Mittel der Manipulation dabei angewandt werden, darum geht es in diesem Buch, das den Bogen spannt von 1989 bis heute, von der Bürgerrechtsbewegung in der DDR eigentlich bis zur Corona-Pandemie. „Wende wohin?“ – die Rede von Rainer Mausfeld über die „Realität hinter der Rhetorik“ am 9. Oktober 2019 in der Dresdner Kreuzkirche lag schon vor, als der Westend Verlag Daniela Dahn um einen Text zum Thema bat. Sie hat dazu zahlreiche Bücher veröffentlicht und wollte sich nicht wiederholen. Also wandte sie sich einer Frage zu, die sie schon lange beschäftigte und aufwändige Recherchearbeit erforderte: „Wie war es möglich, das in vierzig Jahren gewachsene Selbstbewusstsein einer Bevölkerung in einem Vierteljahr auf den Kopf zu stellen?“ Wie geschah es, dass alle Reformvorschläge vom Tisch gewischt werden konnten und die „Alternative für Deutschland“, die sich ja erst am 6. Februar 1990 in Westberlin gegründet hatte, bei der Volkskammerwahl am 18. März 2020 48,15 % Prozent der abgegebenen Stimmen erhielt?

Die durch viele Medien bis heute genährte Vorstellung, dass eine Mehrheit schon im Herbst 89 der DDR keine Chance gab, entlarvt die Autorin mit vielen Fakten als falsch. Detailliert untersucht sie, wie Medienkampagnen mit zum Teil erlogenen Feststellungen Stimmung machten. Empörung wurde geschürt über den Verrat an Gleichheitsidealen durch die DDR-Führung. Ein Katastrophenszenario wurde entworfen, vor dessen Hintergrund die Ankündigung einer Währungsunion als Rettung erschien. Ich sehe noch vor mir, wie Helmut Kohl im Westfernsehen in geradezu liebevoller Weise eine finanzielle Unterstützung von Reformen in der DDR ankündigte. Allerdings hat er darunter wohl anderes verstanden als ich. In den Knochen steckte mir der „Schürer-Bericht“, der, so Daniela Dahn, wohl um in der DDR „die Bereitschaft für Perestroika in der Wirtschaft zu beschleunigen“, alle Valuta-Schulden auflistete, „ohne die Guthaben gegenzurechnen … Mit diesen Schreckenszahlen fuhr der ahnungslose Krenz zum ahnungslosen Gorbatschow, und beide waren erschrocken.“ Dass es mit der DDR immer weiter bergab gehe, sagte Kohl dann zu Gorbatschow, dem selbst das Wasser bis zum Halse stand. Die Sowjetunion bekam einen bundesverbürgten Fünf-Milliarden-Kredit. Später wurde ein zusätzlicher zinsloser Kredit offeriert. Unser Reformversuch – verkauft?

Doch es musste ja noch gewählt werden. „Der eigentliche Wunsch bestand bis zuletzt darin, Eigenes in die Einheit einzubringen“, meint Daniela Dahn. „Der Meinungsumschwung war einem Diktat aus Desinformationen, Zermürbung und Erpressung geschuldet.“ In fünf Telefonkonferenzen hat sie mit Rainer Mausfeld erörtert, wie solches vonstatten geht. Die „zivilisatorische Leitidee von Demokratie“, ein „Schutzbalken gegen das rohe Recht des Stärkeren zu sein“, könne im Kapitalismus insofern nicht funktionieren, sagt er, als dieser darauf angewiesen ist, „die Minderheit der Besitzenden strikt vor den Veränderungswünschen der Mehrheit zu schützen“. Deshalb habe der Westen seit mehr als hundert Jahren „ein einzigartiges Arsenal höchst raffinierter Manipulationsmethoden“ entwickelt, allein schon „um bei den Wählern den Eindruck völliger Freiheit aufrechtzuerhalten und zugleich sicherzustellen, dass diese so wählen, wie sie wählen sollen“. An „systeminterne Lösungen“ glaubt er nicht mehr. Reformismus habe den ökonomisch Mächtigen meist nur als eine Art „Revolutionsprophylaxe“ gedient. Die „Systemkrise des globalisierten Finanzkapitalismus“, durch Corona nur überdeckt, könne „zu politischen Radikalisierungen führen“, so Rainer Mausfeld, „die dann wiederum als Vorwand für weitere autoritäre Maßnahmen genutzt werden“. Daniela Dahn zitiert Hannah Arendt: „Demokratie trägt Totalitarismus als Tendenz immer in sich.“

Der Beitritt der DDR zur BRD war folgenreich in Ost und West. Hätte der behutsamere Weg einer Konföderation, die Annahme einer neuen gesamtdeutschen Verfassung denn eine Chance gehabt? Dass beide Seiten sich ändern sollten, vielleicht gemeinsam einen „dritten Weg“ beschreiten, war eine schöne Vorstellung. Als es in Leipzig Mars-Riegel regnete, war es damit schon vorbei. So billig waren die Ost-Eingeborenen zu kaufen? Egal ob es ihnen heute gut geht oder schlecht, zurück bleibt ein Gefühl der Demütigung, der Kränkung, das wohl auch in späteren Generationen nicht vergessen ist.

„Auf Beutezug“ war am 15. März 1990 der „Standpunkt“ auf Seite 1 des ND überschrieben. „Dass Parteien eines Staates in den Wahlkampf eines anderen derart massiv und dazu noch unmittelbar vor Ort eingreifen“, verletze die Demokratie. Ebenfalls auf dieser Seite die Ankündigung von Wolfgang Schäuble, nach den Wahlen würde es keine Sonderleistungen für Übersiedler mehr geben. Gorbatschow sei auf dem Kongress der Volksdeputierten als einziger Kandidat für das Präsidentenamt gewählt worden, wird vermeldet. Bush trifft Mitterrand. Polen wird an den „Verhandlungen von DDR, BRD, Sowjetunion, USA, Großbritannien und Frankreich teilnehmen. „Zwei plus Vier“ sollen sie nicht mehr heißen, um den parallelen Gesprächen zwischen beiden deutschen Staaten keinen Vorrang vor denen der Alliierten einzuräumen. Gregor Gysi spricht auf dem Alex gegen eine „BRDigung der DDR“. Unermüdlich hat er in dieser Zeit im DDR-Fernsehen vor den Gefahren der Währungsunion gewarnt. Gegen „freiwillige Selbstentmündigung“ blieben damals wie heute dennoch viele immun.

Daniela Dahn/Rainer Mausfeld: Tam Tam und Tabu. Die Einheit: Drei Jahrzehnte ohne Bewährung. Westend Verlag, 232 S., br., 18 €.

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