Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Ursula Keller u. Natalja Sharandak: Iwan Turgenjew und Pauline Viardot

„Königin der Königinnen“

Ursula Keller und Natalja Sharandak über die Liebe von Iwan Turgenjew zu Pauline Viardot

Eine außergewöhnliche Liebesgeschichte wird erzählt, und weil sie Iwan Turgenjew fast sein ganzes Leben begleitete, entsteht daraus im Grunde eine Künstlerbiografie. Am 9. November jährte sich der Geburtstag des berühmten russischen Schriftstellers zum 200. Mal, was mehrere Verlage zum Anlass nahmen, neue Übersetzungen seiner Werke herauszugeben. Turgenjew soll ja überhaupt der erste russische Autor gewesen sein, dessen Bücher ins Deutsche übersetzt wurden; heute ist eigentlich alles von ihm lieferbar. Auch die Tatsache, wie eng er sein Leben mit der Sängerin Pauline Viardot verband, dürfte bekannt sein. Und doch hörte das Rätseln nicht auf, wie denn diese Beziehung beschaffen war. Sie hatte einer fahrenden Operntruppe angehört, ehe sie mit 18 den 40jährigen Pariser Theaterdirektor Louis Viardot heiratete. Eine glückliche Ehe? Anderes ist nicht bekannt. Kam Turgenjew von ihr vielleicht gar deshalb nicht los, weil von ihr keinerlei Bindungswunsch ausging?

Diverse Liebschaften gab es Immer mal wieder. Detailliert gehen die beiden Autorinnen auch darauf ein. Aber die Leidenschaft kühlte sich ab, sobald die weibliche Hoffnung auf ein Heiratsversprechen entstand. Turgenjew wollte keine andere Familie als die der Viardots, die zeitweise sogar eine Tochter von ihm bei sich aufnahmen. „Wo sie leben, dort muss ich leben“ erklärte er einem Freund. „Jetzt sind sie in Paris – und ich bin in Paris. Würden sie morgen nach Australien umziehen –würde auch ich nach Australien reisen.“

Wie Pauline ihrem künstlerischen Weg ging, erblickt man eine emanzipierte Frau. Ursula Keller und Natalja Shandarak folgen ihrer Biografie ebenso wie der Turgenjews. Was vielleicht vielen nicht bekannt ist: wie sie auch im Künstlerischen miteinander verbunden waren. „Nicht eine Zeile Turgenjews ist in Druck gegangen, ohne dass ich sie zuvor zu Gesicht bekommen hätte“, soll Pauline einmal scherzhaft gesagt haben. „Ihr Russen wisst gar nicht, dass ihr es mir zu verdanken habt, dass Turgenjew immer noch schreibt und arbeitet.“

Insofern ist das Buch auch eine Werkgeschichte, in der man erfährt, wie das Schreiben Turgenjews oft auch mit persönlichen Erlebnissen zusammenhing. Und nicht nur das: Die Geschichte Europas im 19. Jahrhundert fließt mit ein. Wir blicken auf Russland in Zeiten der Leibeigenschaft, die der Gutsbesitzersohn so sehr verabscheute, dass er immer nur kurze Zeit in der Heimat war. Seine Mutter war grausam zu den Leibeigenen. Aber auch den pro Forma befreiten Bauern nach 1861 ging es ihnen nicht gut, weil sie den Gutsbesitzern im Grunde das Land abkaufen mussten, also in ein Abgabenverhältnis gezwungen wurden. Es kam zu Unruhen, zum Staatsterror und zu einer demokratischen Bewegung vor allem unter Intellektuellen. Turgenjew konnte von all dem nicht unberührt bleiben, auch wenn er die meiste Zeit in Westeuropa lebte.

Die deutsche und die französische Geschichte geraten ins Bild. Und was vor allem fasziniert: wie die beiden Protagonisten des Buches sich als Europäer, ja Weltbürger fühlten. Sie beherrschten mehrere Sprachen, sie reisten (und hatten die Mittel dafür). Ihre Heimat war ein umfassendes Reich der Kultur, das sie mit Künstlern aus verschiedenen Ländern teilten. Wenn man das Buch liest, staunt man, wie viele berühmte Namen als Freunde und Bekannte Turgenjews auftauchen. Am Schluss des Bandes gibt es ein eng gedrucktes Personenregister von acht Seiten. Sie waren zueinander unterwegs, die Berühmtheiten ihrer Zeit, und sie hatten wohl auch das Bedürfnis, eine Verbindung zu pflegen. Kommt es einem nur im Rückblick so vor, dass es eine solche Fülle großer Geister heute nicht mehr gibt, dass es einst ein geistiges Europa gelebt, wie wir es uns heute nur wünschen könnten?

Doch zurück zu den beiden Protagonisten des Buches. Turgenjew mochte starke Frauen, wie er sie in seinen Werken auch oft gestaltet hat. Er kannte sich: „Ich bin nur glücklich, wenn mir eine Frau ihren Absatz ins Genick setzt.“ Und Pauline war für ihn „die Königin der Königinnen“.

Irmtraud Gutschke

Ursula Keller u. Natalja Sharandak: Iwan Turgenjew und Pauline Viardot – Eine außergewöhnliche Liebe. Insel Verlag, 278 S., geb., 25 € .

Weiter Beitrag

Zurück Beitrag

Antworten

 

© 2020 Literatursalon

Login