Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Der Junge und der Gorilla

Wie leben mit dem Unabänderlichen?

„Der Junge und der Gorilla“, eine Geschichte über Trauer und Trost

Es gibt Situationen, da alle Worte fehlen. Und weil die Menschen so hilflos sind, kehren sie sich sogar von einem ab, was man in dieser Situation nicht verstehen kann. Aber auch Mitleid ist mitunter schwer zu ertragen… Da ist es gut, etwas Großes, Liebevolles in sich zu haben, an das man sich anlehnen kann. Und wenn es ein riesiger Gorilla ist…

Cindy Derby hat solch einen riesigen Gorilla gemalt, der vor einem kleinen Jungen steht. Und sie hat ihm durch ihre Kunst einen ganz besonderen Ausdruck gegeben: traurig und fürsorglich zugleich. Was hält er ihm hin? Ein Gänseblümchen, das leuchtet.

Jackie Azúa Kramer hat in ihre Geschichte die Sprachlosigkeit hineingebracht. leuchtende Blume. Denn der kleine Jugne hat zunächst nicht einmal Worte für das, was er verloren hat. „Meine Mama ist gestorben.“ — Fast widerwillig bringt er den Satz heraus, während der Gorilla ihm bei der Gartenarbeit hilft. „Ich weiß“, sagt der nur, und das ist genau richtig in diesem Moment.

Trauer kann Menschen vereinzeln. Man sieht es zu Beginn des Buches, als Vater und Sohn nebeneinander auf einem Sofa sitzen, ohne sich anzuschauen. Vor beiden liegt noch ein innerer Weg, ehe sie einander in die Arme schließen können. Wie der Junge erst einmal in seine Einsamkeit flieht und der Gorilla ihn genau so begleitet, hat die New Yorker Autorin fein erspürt und genau die richtigen, leise gesprochenen, Worte gefunden, die trösten können. „Wann wird es mir wieder besser gehen? Wenn du verstehst, dass sie immer noch bei dir ist.

Ab wann kann ein kleines Kind die Realität des Todes begreifen? Die Frage ist müßig, manche Kinder müssen es, so wie der Junge im Buch. Ich denke, es ist in seiner leuchtenden Klarheit sogar auch für Erwachsene gut, die einen nahestehenden Menschen verloren haben. Und eben für Kinder, die irgendwann fragen werden, wie man mit Toten leben soll.

Irmtraud Gutschke

Jackie Azúa Kramer/ Cindy Derby: Der Junge und der Gorilla. Aus dem Englischen von Bernd Stratthaus. Annette Betz Verlag, 48 S., geb., 14,95 €.

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