„Tarantino, nur schöner“
Irmtraud Gutschke
Eigentlich hätte dieses köstliche Stück Prosa im Zusammenhang mit dem Messethema Tschechien auf der Frankfurter Buchmesse rezensiert werden müssen, denn ohne den tschechischen Schriftsteller Bohumil Hrabal wäre es wohl nicht entstanden. Nicht nur, dass sich Andreas Montag von Monika Zagustovás Biografie „Im Paradiesgarten der bitteren Früchte“ inspirieren ließ, er lässt Hrabal sogar leibhaftig auftreten.
Erst weiß der Ich-Erzähler nicht, woher das wilde Gelächter kommt, das ihn unversehens aus dem Schlafe weckt. Dann entdeckt er einen winzigen Mann auf seinem Buchregal. Zwischen den Büsten von Lenin und Stalin sitzt er und ist bester Laune. Es schwant einem dass dem Autor so ein Stimmungsaufheller gerade recht kam. Altern eines Ostdeutschen inmitten politischer Wirren: Bitterernst sollte das keinesfalls erzählt werden.
Da kam – was für ein großartiger Einfall! – Bohumil Hrabal gerade recht, dieser Meister der Tragikömödie, der so viele schrullige Charaktere erfand, der dabei seine poetische Tiefsinnigkeit immer wieder trotzig behauptete. Der lachen konnte, wenn ihm zum Weinen war und der, wie es heißt den Tod fand, als er beim Taubenfüttern aus dem Fenster eines Prager Krankenhauses stürzte. Unfall oder Absicht, weil er nicht dahinsiechen wollte? Nun ist er wiedergeboren, freut sich am Bier wie ehedem.
Und nicht nur das: Als Gespenst – oder wie man das nennen will – ist Bohumil mit wundersamen Kräften beschenkt, kann je nach Bedarf mal Däumling, mal Riese sein, kann sich in die Lüfte erheben, sich auf Zeitreise begeben. Dabei geht es ganz gewöhnlich zu: „Wir waren beide auf dem Klo, ich habe meine Zähne geputzt und mich angezogen. Levi’s, Pullover Parka … Fertig?, dröhnt mein neuer Freund. Der erste, den ich seit Langem habe …“ Und dann plustert sich der Kerl auf, wird zu einem fetten Vogel, ergreift den Erzähler mit seinem Krallenarm, steckt ihn unter sein „müffelndes Mäntelchen“, und schon kommen die barocken Paläste von Prag in Sicht.
Wo landen sie? Natürlich vor einer Kneipe auf der Kleinseite, die Bohumil kennt. Václav Havel sitzt dort – noch jung, als er noch nicht Präsident war. „So frei, wie wir alle geboren sind, bevor sie mit Versprechungen und Drohungen, Ideologien und Zangen an uns herumwerkeln …“ Aber ehe man dem weiter nachsinnen kann, dröhnt schon wieder Bohumils kollerndes Gelächter durch die Gaststube. Mit ein paar Flaschen Bier sehen wir die beiden an der Moldau sitzen.
„Auf dieser Reise wird alles möglich sein, wirklich alles, das wird mir immer klarer. Und alles, was geschieht, wird mir geschehen sein.“ Irrwitzig, skurril – die Zeichnungen von Robert Voss passen zu dieser Stimmung. Melancholisches Überlegen, widersprüchliche Erinnerungen, aber gleich kippt die Szene wieder – großartig, wie Andreas Montag das gelingt. Wie kam er nur auf die Idee, die beiden in Wandlitz landen zu lassen, um „Ulbricht mit seiner lieben Lotte“ zu besuchen? Und nicht nur das: Einen ganz besonderen, unerhörten Schabernack hat sich Bohumil ausgedacht. Welchen, das soll hier nicht verraten sein. Denn: „Unsereins darf es auf die Spitze treiben, damit das Herz nicht vor Trauer stehen bleibt … Alles ist möglich, damit unsereiner das Unmögliche ertragen kann.“
„Walter!, brüllt Mielke, und Ulbricht steht schwankend auf, klappt die nackten Hacken zusammen und sagt etwas dümmlich: Jawoll! … Mielke hat die Lage mit einem Blick erfasst: Ach du Scheiße, sagt er, aber wir klären das, ruckzuck klären wir das … Der Diensthabende der Wache sofort zu mir, den Chefarzt aus Buch, Spurensicherung, Hundestaffel, Markus Wolf auch. Kein Blaulicht, keine Sirene, verstanden!“ Die beiden Attentäter verstecken sich im Uhrkasten. Mielke schießt sich ins Knie …
Was für eine Szene! „Wie im Kino, flüstere ich Hrabal ins Ohr. Tarantino, nur schöner, gibt er ebenso leise zurück.“ – Tatsächlich hat Andreas Montag sein Buch ja „mit Dank und Bewunderung“ diesem US-amerikanischen Regisseur gewidmet. So viele herrliche Turbulenzen sind ihm eingefallen! Und am Schluss erscheint auf dem Brocken noch ein rätselhafter Professor – ist es gar der Teufel selbst? – und eine Frau im Paillettenkleid. Das sollte wirklich verfilmt werden. Aber Tarantino ist weit.
Andreas Montag: Das Gelächter. Mit Zeichnungen von Robert Voss. Quintus Verlag, 95 S., geb., 20 €.