Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Bohumil Hrabal: Allzu laute Einsamkeit

Im Sog der Bücher

Irmtraud Gutschke

1987 publiziert, vergriffen und antiquarisch hoch gehandelt, liest sich dieses Buch wie neu. Abgehoben von der Zeit, in der es entstand, wird es tatsächlich zu dem, womit der Suhrkamp Verlag wirbt: Zu einer „Hymne auf das Lesen“, einem Hilfeschrei oder gar einem Abgesang. Denn auch wenn man es ungern hören will, der Wille, ja sogar die Fähigkeit dazu sind im Schwinden. Immer mehr Menschen gibt es, die nicht ahnen, was so ein Buch überhaupt bedeutet“.  Die es nicht zu schätzen wissen.

„Aber ab jetzt ist eine neue Zeit angebrochen“, überlegt der Ich-Erzähler, der seit 35 Jahren schon in einer Annahmestelle für Altpapier arbeitet, so wie es auch der Autor selbst in den 50er Jahren tat. Bohumil Hrabal (1914-1997), der inzwischen als Klassiker der tschechischen Literatur gilt, nahm seine Inspiration aus einem unsteten Leben, zwischen Sehnsüchten und Zweifeln. Dabei gibt es wenige, die den Reiz, die Macht der Literatur so eingängig beschrieben haben wie er.

Denn dieser versoffene Haňt‘a, der uns hier in einem großen Monolog gegenübertritt, ist ein Kenner, ein Bibliophiler sondersgleichen. Und ein glücklicher Mensch, denn zwischen den Papiermassen, die in seinen Keller gekippt werden, finden sich immer wieder Kostbarkeiten, die er abends nach Hause trägt. Seine Wohnung ist „voller Bücher, nur der Weg zum Fenster und zum Herd ist frei“. Und „auf dem Klo ist nur so viel Platz, dass ich gerade noch sitzen kann, ein Meter fünfzig über der Kloschüssel“. Erschlagen könnten ihn die zehn Zentner Drucksachen, die sich über seinem Bett auf Balken und Brettern türmen. Man merkt, wie sich der Autor amüsiert.

In einem stinkendem Keller zwischen blutigem Fleischereipapier, umschwirrt von Schmeißfliegen, steht dieser Haňt‘a. Die Mäuse verstecken sich, um nicht zwischen Pappen zu geraten, doch manchmal werden sie zerquetscht, und die Ratten fechten im, Untergrund ihre Fehden aus. Da steht dieser Mann schmutzig an seiner Papierpresse und ist angetrieben von einer geradezu heiligen Mission: Wertvolles zu retten. Im Klappentext ist von verbotenen Büchern die Rede, da fragt man sich, ob das zu kurz gegriffen ist angesichts von Laotse, Erasmus von Rotterdam, Schillers „Don Carlos“, Kants „Metaphysik der Sitten“, Nietzsches „Ecce Homo“.  Angedeutet ist hier Weitgreifenderes als konkrete politische Hoffnungen im Prager Frühling. Es geht um eine Geistigkeit, die zu verschwinden droht, wenn jene „ganz andere Art von Denken“ dominiert, welche die Moderne prägt.

„Sie werfen sie hin, die Bücher“, denkt Haňt’a, als er vor einer riesigen neuen Papierpresse steht, deren Vernichtungswerk viel effizienter ist und die ihn bald arbeitslos machen wird. Die jungen Leute, die sie bedienen, planen eine Griechenland-Reise, dabei ist „jenes Griechenland in uns, jenes schöne Hellenentum“ ihnen völlig fremd.

Wie Hrabals Erzählton changiert zwischen Ironie, Bitternis und dem Behagen, welches einem Lektüre schenken kann –, ist ein Reiz ebenso wie der Kontrast zwischen der elenden Lage des Ich-Erzählers und dem Reichtum seiner Gedankenwelt. Wie er „in stiller Meditation über die moralische Unauflöslichkeit von Gegensätzen“ nachdenkt, sich der selbstlosen Liebe einer Zigeunerin erinnert, die im KZ starb, und sich über jene Mančika ärgert, die noch nie ein ordentliches Buch gelesen hatte, aber trickreich reich geworden war, bekräftigt einen Satz, der mehrfach im Buch auftaucht: „Der Himmel ist nicht human.“

Dem kann er nur sich selbst gegenüberstellen. Sein Chef schimpft, dass er schneller arbeiten soll. „Und ich am Fuße des Papierbergs ducke mich wie Adam im Gebüsch, öffne, das Buch noch in der Hand, meine verängstigten Augen und sehe eine ganz andere Welt als jene, in der ich mich gerade befunden habe, denn wenn ich einmal richtig reinkomme ins Lesen, bin ich ganz woanders, bin drinnen im Text, ich bin erstaunt darüber und muss zerknirscht bekennen, dass ich wirklich in einer Traumwelt, in einer schöneren Welt, dass ich mitten im Herzen der Wahrheit war.“

An seiner Seite ist man, während er nach der Arbeit froh durch die Straßen geht, „in einer Wolke von Büchern, die ich heute gefunden habe und in der Mappe nach Hause trage, träumend und ohne es zu wissen, gehe ich bei Grün über die Straße, renne nicht gegen Laternenmasten oder Menschen, gehe nur so vor mich hin und stinke nach Bier und Dreck, aber lächelnd, denn in der Mappe, da habe ich Bücher, von denen ich am Abend etwas über mich selbst, etwas, das ich noch nicht weiß, zu erfahren erhoffe.“

Da scheint jedes Paket, das er an diesem Tag gepresst hat, in ihm nachzuklingen, „als würde auch in mir ein kleines Flämmchen flackern, so ein kleines Kontrollflämmchen wie in einem Boiler, so ein kleines Flämmchen wie in einem Gaskühlschrank, ein winziges ewiges Licht, dem ich täglich das Öl jener Gedanken zugieße, die ich beim Arbeiten und wider Willen aus Büchern, wie ich sie jetzt in meiner Mappe nach Hause trage, herausgelesen habe.“

Was für eine Sprache, der Hoffnungslosigkeit entgegengesetzt.

Bohumil Hrabal: Allzu laute Einsamkeit. Aus dem Tschechischen von Peter Sacher. Bibliothek Suhrkamp, 126 S., geb., 18 €.

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