Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Andreas Montag: Glückliche Menschen

Podcast auf dasnd.de/buecherberge

Teufelspakt

Andreas Montag: Eine grandiose Erzählung über zwei junge Leute und eine verrückte Nacht in Berlin

Irmtraud Gutschke

Es beginnt mit einem harmonischen Familienspaziergang. „Ich liebe dich“, sagt Paul zu Linda., Pauls Mutter schiebt den Kinderwagen durch die Schönhauser Allee. Sein Stiefvater Horst scheint von Linda begeistert, ein „ältlicher verliebter Oberschüler in hellen Freizeithosen, kariertem, kurzärmligen Hemd und Tennissocken, die er zu Birkenstock-Sandalen trug“. Und Linda war schön, ein Engelsgesicht mit hohen Wangenknochen und mit langem, schwarzen Haar. „Glückliche Menschen“ heißt die Erzählung von Andreas Montag, der eigentlich in Halle lebt, aber hier viel Berliner Flair hineinbringt. „Glückliche Menschen“ – mitunter sagen Paul und Linda auch, dass sie glücklich sind, scheinen aber dabei irgendwie einen zweifelnden Gesichtszug zu haben.

Vor einiger Zeit habe ich den Roman „Schön ist die Nacht“ von Christian Baron gelesen. Seine zwei Großväter kamen in Kaiserslautern auf keinen grünen Zweig und seine Eltern auch nicht, wie er es in seinen Erinnerungen an die Kindheit „Ein Mann seiner Klasse“ beschrieben hat. Beim Lesen dachte ich, dass es das so in der DDR nicht gegeben hat. Mietschuldner wurden nicht aus der Wohnung geworfen. Wer aus dem Gefängnis kam, wurde an eine Arbeitsstelle vermittelt. Die Leute achteten mehr aufeinander.

Aber ärmliches, unglückliches Leben gab es auch. Pauls Mutter wurde von ihrem Mann betrogen, und alle wussten es in dem Thüringer Dorf. Wenn die Kinder nicht wären, sie würde das Gas aufdrehen, hatte sie im Beisein von Paul gesagt. Der nun, ein erwachsener Mann inzwischen, wie unabsichtlich die Brust einer fremden Frau berührt. Grünäuglein. „Paul sieht den Mond an, als sähe er ihn zum ersten Mal, während die Schöne ihn mit einem Lächeln betrachtet wie einen seltsamen, feucht schimmernden Stein, der einem am Meer plötzlich zu Füßen liegt und den man behalten will, vielleicht.“ Immer wieder finden sich im Buch solche schönen Sätze. Sehnsüchte. Unvermittelt mischen sie sich mit bitterer Erinnerung. Bei Paul an die Kindheit im Dorf: „Abend für Abend schlich der Junge in die Küche, spät, wenn die Mutter schon längst in ihrem Zimmer war, und sah in der Küche nach, ob am Herd alles in Ordnung war.“

Zwei schleppen ihre schwierige Kindheit mit sich herum. Denn Linda ist auch nicht gerade glücklich aufgewachsen. Um die  Neubauwohnung an der Storkower Straße in Berlin mit drei kleinen Zimmern und laut, hätte manch einer sie vielleicht beneidet. Denn Wohnungen, alle bezahlbar, waren auch in der DDR ein knappes Gut. Aber Linda wollte da nur raus. Afrika, Südamerika, Indien, Hauptsache weit fort, weil sie das Leben mit der Mutter peinlich fand. Ihr Vater war Kolumbianer gewesen und  verschwunden, bevor sie geboren war. Als Kind hat sie es wohl mitbekommen, wenn die Mutter abends einen Liebhaber empfing. „Eine Wolke aus Parfüm, Alkohol, Zigarettenrauch und Schweiß zog ins Kinderzimmer. Pssst, der Mann sollte leise sein, bevor sie dann lauter werden würden.“ Das fällt Linda wieder ein, während sie den „Mogul“ beobachtet, der sich diskret auszieht, um dann nackt in sein Schwimmbecken zu springen.

Ja, der Hausbesitzer, den sie „Mogul“ nennt, hat im Penthouse eine riesige Wohnung und ein Schwimmbecken dazu. An diesem Abend hat er Linda zu sich eingeladen, um ihr ein „Angebot“ zu machen. Der Autor dieses Buches lässt es erst einmal bei dem Geheimnis, und auch ich werde jetzt nicht alles verraten. Es ein lukratives Angebot, bei dem sie finanziell ausgesorgt haben würden, aber Linda weiß nicht, ob sie so leben möchte. Sie weiß allerdings auch, dass sie das schwerlich ablehnen kann, denn so eine Chance kommt nie wieder. Eigentlich ist sie ja Musikwissenschaftlerin ohne Abschluss, die bis zuletzt, als das Baby kam, in einem Café gekellnert hatte.

 Und Paul ist Hausmeister, weshalb sie beim Mogul mietfrei wohnen dürfen. Wobei seine Sehnsucht der Musik gehört. An dem besagten Abend, als Linda in den obersten Stock fährt – der Aufzug ist nur per Zahlencode zu bedienen – geht er in die Kneipe, wo er auch seine Gitarre deponiert hat. Die Hofkaschemme seines Freundes Robin, „Robin’s Garden“, was wird wohl zukünftig daraus werden, wenn man bedenkt, dass der Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Allee immer angesagter und immer teurer wird.

Eigentlich haben Linda und Paul ja wirklich Glück, dass sie dort sicher wohnen können. Und ein Kind haben sie, das offenbar recht pflegeleicht ist, denn sie können es an diesem Abend getrost bei Pauls Eltern lassen, die zu Besuch sind und auch mal Geld rüberreichen. Aber das war es nicht, was sie für sich erträumt hatten. Sie wollte Musikwissenschaft studieren, er will Musik machen. „Selbstverwirklichung“ – wie viele junge Leute drängt es in kreative Berufe, und dann bilden sie eine eigene prekäre Schicht. Weil sie einfach zu viele sind.

Irgendwann, schon sehr spät, wird Linda heimkommen und Paul nicht vorfinden. Sie wird einschlafen und einen seltsamen Traum haben: Mit der Mutter ist sie in Terezin, Teresienstadt, und es enthüllt sich die Vorgeschichte der Mutter. Die schöne Mutter, damals. Eine dicke, ständig betrunkene Frau ist aus ihr geworden. Linda ekelt sich vor ihr. Nur ein einziges Mal hat sie ihr Enkelkind zu sehen bekommen.

Der Autor ist ein Meister darin, etwas anzudeuten, die Fäden der Handlung zu verwirren und unversehens wieder aufzunehmen. Bisweilen musste ich an E.T.A. Hoffmann denken, wie Andreas Montag diese Nacht in Berlin beschreibt. Das ist ein bisschen weit hergeholt, ich weiß. Aber kommt einem der Kneipengast, den alle „Professor“ nennen, nicht ein wenig seltsam vor?

Wie Andreas Montag in dieser Nacht ganze Schicksale unterbringt, ist grandios. Wie kunstvoll er Wirklichkeit an Traum grenzen lässt. Hat Linda denn keine Angst vorm „Mogul“? Und dieses „Grünäuglein“, wie landet Paul in ihrer Wohnung, wie wird er gebieterisch von ihr angezogen und wie macht er sich wieder frei? Wieso fällt ihm dann noch Melanie ein, wieso kann er sie plötzlich nackt vor sich sehen? „Hexensabbat“, kichert der Professor. – Ein rätselhafter Mann: Er trägt „jetzt einen grauen Anzug, nicht billig, ein schwarzes Shirt unter dem Jackett, Turnschuhe von adidas, die Haare flott nach hinten gekämmt. Wer bist du?, fragt Paul, während der Mühe hat, mit dem Mann  Schritt zu halten… Ich bin immer der, der ich jeweils bin, sagt der Professor und grinst von einem Ohr zum anderen, das wirst du hoffentlich noch verstehen lernen.“

„Vielleicht sind Zeit und Raum tatsächlich außer Kraft gesetzt und erst recht hinter jener Tür, durch die der Professor ihn geführt hat in dieser Ostberliner Zockerspelunke am S-Bahn-Bogen hinter der Münzstraße, zwischen Döner-Imbiss und Hipster-Café, einen Steinwurf entfernt von Franz Biberkopfs Alexanderplatz, Polizisten und Proleten sind hier unterwegs, Ulbricht und Adenauer, Taschendiebe, Touristen und Teenager, Vertreter und Verräter, Spione und Spitzel, Supermann und Stasimann, Heilige und Huren.“ Was für eine Nacht, und wie mitreißend Andreas Montag sie beschreibt!

Später wird Paul sich am Neptunbrunnen die Seele aus dem Leib kotzen. Er wird auch einen Antrag bekommen, und das wird ebenso zynisch klingen wie beim „Mogul“, der Linda ironisch eine „Romantikerin“ nennt. Von einem Laden in Moabit erzählt er, wo die „Post“ abgeht. Alle nackt. „Die haben getanzt und Pillen geworfen und gefickt wie die Karnickel, sagt er. Glückliche Menschen.“ So einen Laden würde er auch gerne aufmachen. Auch der Professor lässt eine Tirade los – gegen alle Ideale und Wünsche. Paul könnte mit seinem „Arschlochblues“ auf der Gitarre berühmt werden und reich. Nur das Geld würde am Ende zählen. Und ich dachte beim Lesen: Beiden wurde ein Teufelspakt vorgeschlagen. Sie sollen ihre Seele verkaufen.

Am Schluss eine Szene am Meer, die beiden hatten ja vor, an die Ostsee zu fahren. „Kapitalismus ist auch Scheiße, hat Paul gesagt , diesen einen Satz, Sonst nichts. Seitdem schweigt er, liegt im Sand, starrt in den makellos blauen Himmel und schweigt. Linda sitzt neben ihm, den Kopf abgewendet, wie die junge Frau auf Walter Womackas Gemälde Am Strand. Nur, dass sich Paul eben nicht wie der junge Mann auf dem Bild neben dem Mädchen aufstützt und es forschend betrachtet. Paul hat keinen Blick für Linda und niemanden sonst…“ Glückliche Menschen? Aber was wäre denn Glück unter heutigen Verhältnissen?

Die Erzählung wird euch packen und nachdenklich machen.

Andreas Montag: Glückliche Menschen. Quintus Verlag, 112 S., geb., 20 €.

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