Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Gregor Sander: Lenin auf Schalke

Verblühende Landschaften

„Lenin auf Schalke“: Gregor Sander hat sogar bei der „Zonen-Gaby“ gewohnt

Von Irmtraud Gutschke

Die „Zonen-Gaby“ in Gelsenkirchen? Man erinnere sich: Das war die Frau, die im November 1989 das Titelbild der „Titanic“ schmückte. „Meine erste Banane“ – dabei hatte sie eine geschälte Gurke in der Hand. Die doofen Ossis, aber wirklich. Bananen hatten wir ab und zu, man hätte beleidigt sein können, aber trotzdem war es witzig. Durchweg witzig ist auch das Buch von Gregor Sander. Er hat daraus auch schon in Gelsenkirchen gelesen, sogar vom städtischen Referat für Kultur eingeladen. „Wie sieht der deutsche Osten den „armen“ Westen?“, titelte damals die Westfälische Rundschau. Gelsenkirchen ist ja tatsächlich die ärmste Stadt Deutschlands. Die Zechen geschlossen, „Schalke 04“ erbarmungslos abgestiegen. Darauf einen Doppelten.

Es wird recht viel getrunken im Buch, das in einem nächtlichen Treffen vor dem geschlossenen Kiosk von „Konnopke“ in der Schönhauser Allee womöglich seinen Ursprung hat. Büchsenbier vom „Späti“ – und drei Freunde kommen auf literarische Ost-West-Verhältnisse zu sprechen. Sogar „ein Buch über die Füße der Menschen in Marzahn“ gäbe es „oder den ostdeutschen Mann als Liebhaber“, meint Freund Schlüppi, der diesen Spitznamen schon aus NVA-Zeiten hat. „Wir sind gesellschaftlich völlig unterrepräsentiert. Keine Manager, Bankdirektoren, Universitätsdekane oder so was in der Art. Aber dafür sind wir total überschrieben. Und der Westen?“ Verlangt Moritz von Uslars „Deutschboden“ nicht endlich eine Revanche? „Die haben uns gedreht und gewendet wie die Schnitzel in der Pfanne und immer noch nichts begriffen! Jetzt wird es mal Zeit, zurückzugucken.“

Würde uns der Autor nun ernsthaft darlegen, dass es Betriebsschließungen und Arbeitslosigkeit nicht nur im Osten gibt, wir würden abwinken: Klar, Kapitalismus, Profitmaximierung, grenzenlos. Aber er tut es eben nicht ernsthaft, sondern hat sich tatsächlich, wie sein Ich-Erzähler (ob wie dieser mit einem Biervorrat oder nicht) in einen Zug gesetzt und soll sogar drei Monate lang in der Stadt recherchiert haben. Dass ihn „Zonen-Gaby“ dort empfing –„Du kannst bei meiner Cousine wohnen“, hat Schlüppi gesagt – ist nur einer von vielen Einfällen, mit denen uns Gregor Sander dermaßen erheitert, dass wir das Bitterernste in seinem Buch nicht als belastend empfinden. „Gelsenkirchen – der Osten im Westen“? Woher denn? Schau dich noch weiter westlich um, bis über den Atlantik, und du wirst noch mehr solcher schäbiger Ecken finden. “Ich habe sieben Dönerbuden gezählt, vier Spielkasinos und mindestens fünf Trinkhallen, wie hier im Ruhrpott die Kioske heißen, die hier alle Büdchen nennen.“ Auch Omer, der Mann von Gabriele Wolanski, hat so eines, und Gregor Sander schaut auf all das ohne Herablassung, schon gar nicht mit irgendeiner Schadenfreude, sondern voller Sympathie.

Es sind doch „die kleinen Leute“ und irgendwie – ob West oder Ost – fühlt er sich als einer von ihnen. „Im Garten gegenüber bläht sich müde eine Schalke-Fahne und eine deutsche Hausfrau mit Kopftuch kämpft vornübergebeugt gegen das Unkraut an. Vielleicht pflanzt sie aber auch welches.“ Wie er beim Schreiben zwischen Nähe und Distanz, Zuneigung und Ironie balanciert, wie genau er Szenen zu beschreiben versteht (in denen man fast spazieren gehen kann“, hieß es auf Deutschlandradio Kultur) macht den Reiz dieses Buches aus. Er ist dabei, als am 20. Juni 2020 vor der Bundeszentrale der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands (MLPD). Die etwa zwei Meter hohe Lenin-Statue enthüllt wird, und Gaby hat sich mit ihren 50 Jahren gar als Thälmannpionierin verkleidet, mit schwarzem Rock, weißer Bluse und einem roten Tuch. Bei den „Partisanen vom Amjur“ wischt sie sich eine Träne aus den Augen. Manchmal tritt sie auf Vereinsfesten auf. „Da brauche ich nur die geschälte Gurke herausholen, bissel sächseln und sagen, dass meine Tochter Mandy heißt, dann liegen da alle vor Lachen auf dem Boden.“

Klischees – hier wie dort. „Und dass du nicht zu nett bist“, schreit Schlüppi ins Telefon. „Was genau willst du denn?“, schreit der Ich-Erzähler zurück. „Verblühende Landschaften?“ Ja, die sind hier zu sehen, auch wenn Abraumhalden zu begrünten Bergen geworden sind. Die Leute in Gelsenkirchen hätten besseres verdient, und manches ist ja sogar irgendwie schön. Ost-Vorwürfen angesichts westlicher Übernahme gibt Gregor Sander Raum, der ja schließlich in Schwerin geboren wurde. Doch soll er den Menschen übelnehmen, dass sie einfach weiter wie in der alten Bundesrepublik leben? „Der Westen scheint sich nicht vereinigt zu haben.“ Dass Ömer nichts wissen will vom Leben jenseits der Mauer, darf man es ihm verdenken?

In Roman? Zu beschreibend. Eine Reportage? Dennoch zu fiktiv. Die Frau, die sich für 300 Mark als „Zonen-Gaby im Glück“ für die “Titanic“ ablichten ließ, hieß in Wirklichkeit Dagmar und lebte damals schon in Worms. Vor dem Mauerfall habe sie mit ihren Eltern noch oft die DDR-Verwandtschaft besucht, aber vor den Grenzposten so schreckliche Angst gehabt“, gestand sie dem Reporter der „Süddeutschen“ . Weißt du“, ich war ja seit der Wende nie mehr in Ostdeutschland“.

Gregor Sander: Lenin auf Schalke. Penguin Verlag, 186 S., geb., 20 €.

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