Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Sharon Bala: Boat People

Land der Möglichkeiten

Sharon Bala: „Boat People“ über die Nöte der Hungrigen und die Sorgen der Satten

Sein glücklichster Moment sei gewesen, als kanadische Schiffe sie umringten und Helikoper über ihren Köpfen dröhnten. Daran denkt Mahindan, während er in einem kanadischen Gefängnis sitzt. Bis zum Schluss des Romans werden wir nicht wissen, ob sich sein Wunsch erfüllt, in diesem Land Arbeit zu finden, eine Wohnung – und vor allem wieder mit seinem kleinen Sohn Sellian vereint zu sein. Aber dies ist nicht einfach ein Buch der Empörung, wie der Titel vermuten lassen könnte. „Boat People“ – Menschen auf der Flucht – oft ungeliebt an den Orten ihrer Ankunft. Und wie viele sind inzwischen in den Meeren gestorben. Die Schuld des reichen Nordens gegenüber dem globalen armen Süden konnte lange verdrängt werden. Nun werden wir mit ihr konfrontiert. Es macht beklommen. Dass da Menschen in Not zu uns kommen und Hilfe außer Frage steht, sagen die einen. Andere fürchten Veränderungen. Die Krise des eigenen Systems überschattet die Weltwahrnehmung. In einer Zeit, in der ohnehin viele meinen, alles würde nur schlechter werden, wächst das Gefühl, der eigene kleine Wohlstand könne bedroht sein von Armut und Verbrechen.

Dieser Konflikt wird von Sharon Bala tiefer ausgelotet, als es gemeinhin üblich ist. „The Boat People“ (2018) ist in Kanada ein großer Erfolg geworden, gewann mehrere Literaturpreise und wurde in verschiedene Sprachen übersetzt. Was man zu Beginn der Lektüre nicht weiß, findet sich in den Anmerkungen der Autorin: „Im Oktober 2009 und August 2010 erreichten die Ocean Lady und der Frachter Sun Sea mit insgesamt über 550 tamilischen Flüchtlingen aus Sri Lanka die Küstengewässer von British Columbia. Es gibt also einen realen Hintergrund, der zu recherchieren war. Sharon Bala interessierte sich für die Geschichten der Asylsuchenden, deren Namen sie allerdings nicht nennen durfte, las eine Unmenge von Büchern. So öffnet ihr Roman interessierten Lesern viele Wege zur Weiterbeschäftigung mit dem Thema. Ich jedenfalls wusste bislang noch kaum etwas über die Tamilen in Sri Lanka, über die Konflikte zwischen dieser Minderheit und der Mehrheit der Singhalesen, die Separationsbestrebungen, den Bürgerkrieg zwischen den Regierungstruppen und der LTTI (Liberation Tigers of Tamil Eelam), die von EU und USA als terroristische Vereinigung angesehen wird. So erklärt sich die abwehrende Haltung kanadischer Ordnungshüter im Roman gerade gegen diese tamilischen Migranten, unter denen sich schließlich Anhänger, Abgesandte gar der LTTI befinden könnten.

Mahindan hat tatsächlich einmal ein Fahrzeug der LTTI repariert, unter Zwang, wie er angibt. Aber hat er dabei auch den Sprengsatz angebracht, der später auf dem Flughafen explodierte? Auf lange Zeit stecken die Asylsuchenden, getrennt nach Männern und Frauen in Gefängnissen fest. Der Staat nimmt sich immerhin Zeit zur Untersuchung der einzelnen Fälle. Zusammen mit dem Anwalt Gigovaz vertritt die Jurastudentin Priya die Verteidigung. Sie ist im Praktikum, hatte vor, sich auf Körperschaftsrecht zu spezialisieren. Von ihrer tamilischen Herkunft wollte sie nichts wissen, nun wird sie wieder damit konfrontiert. Auf der anderen Seite Grace Nakamura von der Einwanderungs- und Flüchtlingsbehördes, smart und tough, mit einem Kanadier verheiratet und mit dem zuständigen Kabinettsminister befreundet. Der befürchtet, dass die LTTI Kanada als Basis für neue Anschläge nutzen will. „Wir werden unsere Grenzen vor Gangstern und ausländischen Kriminellen schützen“ und „ein falscher Schritt und wir werden von Schnorrern überrannt“ – harte Aussagen wie diese zielen auf die kanadische Wählerschaft.

Wie viele Parallelen einem da in den Sinn kommen! Wie hoch sind die juristischen Hürden, die ein Asylsuchender auch bei uns überwinden muss, und wie viele sind es. Mit den Haftüberprüfungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit beginnt es ja erst. Dass Mahindan bei seiner Ankunft von seinem sechsjährigen Sohn getrennt wird, ist eine Grausamkeit. Mit fremden Frauen im Gefängnis, kommt der Kleine zu einer kanadischen Pflegefamilie – um seiner Zukunftschancen willen. Wir hören sein Weinen, sehen die Verzweiflung des Vaters, der ein Geheimnis bewahren muss, sonst droht ihm die Abschiebung. Aber das Rechtsverständnis im reichen Norden – besonders rigid vertreten durch Amarjit Singh von der Grenzschutzagentur – kann die Lage der Menschen im armen Süden nicht erfassen, zumal in einem Bürgerkriegsland, wo der einzelne oft kaum mehr frei entscheiden kann. Echte oder falsche Papiere? „Wir müssen den Schleppern das Handwerk legen“, sagt der Minister. Ja, sie verdienen am Leid, und doch müssen todgeweihte Menschen ihnen vertrauen und zahlen, wie es Mahindan tat, denn in dem von der LTTI bewachten Lager, von den Regierungstruppen beschossen, hätte er mit seinem Kind nicht überleben können. So viele Konflikte – Sharon Bala kann sie nicht lösen, aber sie hilft uns, von simplen Vorstellungen Abschied zu nehmen.

Sie wurde 1979 in Dubai geboren ist 1986 nach Kanada gekommen, hat an den Universitäten von Kingston und Toronto studiert und wird von Wikipedia als kanadische Schriftstellerin bezeichnet. Aber sie hat tamilische Wurzeln, so wie auch die meisten anderen Gestalten im Roman eine migrantische Vorgeschichte haben, die ihnen oft gar nicht bewusst ist. Ihre Eltern haben sie verdrängt, weil sie ganz und gar Kanadier sein wollten. Aber vor allem Kumi, die schon leicht demente Mutter von Grace Nakamura, kann das nicht mehr, seit ihr die Vergangenheit deutlicher aufscheint als die Gegenwart. Wie auch in den USA wurden schon lange eingebürgerte Japaner mit Beginn des Zweiten Weltkriegs in Kanada wie Verbrecher behandelt. Sie wurde interniert, ihr Eigentum war verloren, als sie wieder frei kamen. Und keinerlei Entschädigung. „Was sie uns angetan haben“ – wenigstens eine Gedenktafel möchte Kumi haben.

Die Ungerechtigkeit, die Grausamkeit gegenüber Minderheiten, zumal wenn sie, wie die Tamilen in Sri Lanka, einstmals bevorzugt waren, verständliche Autonomiestrebung, die der einfachen Bevölkerung oft nichts nützen, aber Waffenverkäufer profitieren davon – ein weltweiter Flächenbrand, von dem wir nicht erreicht sein wollen. Für Mahindan ist Kanada „ein Land der Möglichkeiten“. Daran hält er trotz schlimmer Erfahrung fest. Und für Grace kommt es irgendwann zum Wortwechsel mit dem Minister. „Wir werden nie mit Sicherheit wissen, wer Asyl verdient.“ – „Abschieben. Fertig“, meint der. Da mischt sich Graces kleine Tochter ein: „Es ist ein freies Land … Außer wenn niemand dich haben will.“

Sharon Bala: Boat People. Roman. Aus dem Englischen von Angelika Arend. Mitteldeutscher Verlag. 479 S., geb., 28 €.

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