Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Carsten Gansel: Deutschland Russland

Sympathie und Enttäuschung

„Deutschland Russland“ – viele Aspekte einer Beziehung

Es ist eine alte Geschichte, ein unauflöslicher Zusammenhang. Abgesehen davon, dass die Urheimat der Indoeuropäer sich aller Wahrscheinlichkeit nach in den Steppen zwischen Wolga und Don befand, von wo aus die Viehnomaden nach Osten, aber auch nach Westen zogen, und dass sich Menschen begegneten, die sich noch gar nicht als „Deutsche“ oder „Russen“ verstanden, politische Beziehungen sind früh verbucht. Beginnend mit dem Ostfränkischen Reich, das sich unter den Ottonen zum Heiligen Römischen Reich entwickelte, hat es in Abständen Bündnisse gegeben, mit der Kiewer Rus, später mit dem Großfürstentum Moskau – zu ökonomischem Nutzen und gegen andere Mächte. Lang ist die Liste dynastischer Verbindungen. Ob immer zu ihrer Freude, die Töchter der Herrschaftshäuser wurden gern untereinander verheiratet.

Da war Prinzessin Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst 1744 nicht die erste und nicht die letzte, aber als Katharina II. wohl die berühmteste. Denn sie hat die Weichen für die Geschichte der Russlanddeutschen gestellt. 1763 unterschrieb sie ihr „Einladungsmanifest“, um deutsche Siedler nach Russland zu holen, lockte sie mit Befreiung vom Militärdienst, Selbstverwaltung, Steuervergünstigungen, finanzielle Starthilfe, 30 Hektar Land pro Kolonistenfamilie, Sprach- und Religionsfreiheit. Ihr Ziel: Ankurbeln des Bevölkerungswachstums, Besiedelung des „wilden Feldes“ und Stärkung ihr Macht. Schon in den ersten fünf Jahren nach dem Manifest kamen über 30.000 Deutsche nach Russland; viele brachten es zu Wohlstand. Mitte des 19. Jahrhunderts waren es bereits über eine halbe Million.

Bereits 1702 hatte Zar Peter I. durch sein „Berufungsmanifest“ deutsche Gelehrte und Spezialisten ins Land geholt. Ende des 19. Jahrhunderts seien etwa 40 % aller höheren Befehlsposten in der Armee, 62% der Stellen im Ministerium für Post und Verkehr, 57% der Stellen im Außenministerium und 46% der Stellen im Kriegsministerium in deutschen Händen gewesen, schreibt Carsten Gansel im Nachwort zum Roman „Wir selbst“ von Gerhard Sawatzky. Die 200 Seiten waren in dem jetzt von ihm herausgegebenen Band „Deutschland Russland“ in Gänze nicht unterzubringen und doch sind seine Ausführungen zur Neuedition dieses Standardwerkes über die wolgadeutsche Republik als Herzstück der Sammlung zu bezeichnen, flankiert durch die Beiträge von Tatiana Yudina über russlanddeutsche Intellektuelle zwischen 1917 und 1941 und von Elena Seifert über russlanddeutsche Literatur und Gulag-Erfahrungen.

Auf über 600 Seiten sind 17 analytische Aufsätze, ein Erfahrungsbericht von Joochen Laabs über seine Annäherungen an sowjetische Literatur und fünf Interviews zu lesen, u.a. mit den Schriftstellerinnen  Irina Liebmann, Gusel Jachina und mit der Historikerin Waltraut Schälike, die von deutschen Emigrantenschicksalen in Moskau erzählt. Jürgen Lehmann gibt einen Überblick über zwei Jahrhunderte Rezeptionsgeschichte russischer Literatur in Deutschland.  Heinrich Kaulen schreibt über die Reise Walter Benjamins ins Land der Oktoberrevolution, die für sein „Moskauer Tagebuch“ die Grundlage war. Andreas Degen folgt den ersten Reisen bundesdeutscher Autoren nach Moskau, z.B. von Hans Henny Jahnn, Wolfgang Koeppen und Leo Weismantel. Matthias H. Lorenz untersucht die Erzählstrategien deutschsprachiger Autorinnen und Autoren über Tschernobyl. Eva Hausbacher schreibt über Katja Petrowskaja, Julia Kissina, Olga Martynowa, Lena Gorelik und andere Autorinnen, die aus Russland nach Deutschland kamen…

Es sind dies literaturwissenschaftliche Texte, denen man anmerkt, dass sie auf umfassenden Studien beruhen und womöglich mühsam in eine knappe Form zu bringen waren. Arbeitsmäßig womöglich kaum zu bewältigen wäre die Erstellung eines gemeinsamen Personenregisters gewesen, das dieses Buch als Nachschlagewerk praktikabler gemacht hätte. Darin hätte sich zum Beispiel auch der Schriftsteller Essad Bey gefunden, von dem ich bis dahin noch nie gehört hatte. Unter der Überschrift „Eskapismus in den Abgrund“ schreibt Werner Nell über Ilja Ehrenburg und auch über ihn, der als Lew Nussimbaum 1905 in Baku geboren wurde, nachdem die Familie vor den Bolschewiki geflohen war, in Deutschland lebte, zum Islam übertrat, seine Sympathien für Mussolini nicht verhehlte, sich aber wegen seiner jüdischen Herkunft letztlich dem NS-Regime nicht andienen konnte. Viele solcher Einzelheiten stecken im Buch und wollen aufmerksame Lektüre.

Deutsche Emigranten in der Sowjetunion und ihre Arbeit für den Rundfunk (Hans Sarkowicz), die Gründung des Bundes Deutscher Offiziere und der Widerstand gegen Hitler in der Kriegsgefangenschaft im Zusammenhang mit Heinrich Gerlachs Roman „Odyssee in Rot“ (Carsten Gansel) – teils unbekannte geschichtliche Zusammenhänge offenbaren sich bis hin zur Zusammenarbeit zwischen MfS und KGB auf der „Linie Schriftsteller“ (Matthias Braun). Da ist zunächst Grundsätzliches zur engen Zusammenarbeit beider Dienste zu lesen, ehe es insbesondere um die Überwachung von Lew Kopelew, Bulat Okudshawa sowie von Mitarbeitern der Auslandsabteilung des sowjetischen Schriftstellerverbandes geht, wozu auch Kräfte aus dem DDR-Kulturbetrieb beitragen sollten. Alle Genannten sind inzwischen tot.

Die engen Verbindungen beider Schriftstellerverbände gibt es nicht mehr, ja diese Organisationen selbst sind zugrunde gegangen. Die Voraussetzungen, russische Literatur kennenzulernen, sind allein schon deshalb geschrumpft, weil man Russischkundige in deutschen Verlagen heute schon an zehn?, nein eher an fünf Fingern abzählen kann. Die slawistischen Institute an ostdeutschen Universitäten wurden verkleinert oder geschlossen. Indem man west- und südslawischen Sprachen zu ihrem Recht verhelfen wollte, wurde das Russische zurückgedrängt. Das, irgendwann wird es womöglich vergessen sein, in DDR-Schulen ein Pflichtfach gewesen ist. Und viele sprachkundige Spezialisten wurden nach dem Beitritt der DDR zur BRD nicht mehr gebraucht, weil es andere politische Prämissen gab. Das traf im Verein mit Tausenden Wissenschaftlern auch den Slawistikprofessor Anton Hiersche, der DDR-Geschichte auf persönliche Weise und mit dermaßen vielen Einzelheiten in Zusammenhang mit sowjetischen Büchern bringt, dass allein schon sein 70-seitiges Gespräch mit Carsten Gansel es wert wäre, sich den Band ins Regal zu stellen.

Das gilt auch für die „Überlegungen zur Reform des Petersburger Dialogs“ von Hauke Ritz, der sich mit der sogenannten „werteorientierten“ Außenpolitik auseinandersetzt. Die klassische Diplomatie war vom Prinzip staatlicher Souveränität in den internationalen Beziehungen ausgegangen. Dagegen habe die Schwächung etablierter Regierungsstrukturen schon viele Länder ins Chaos gestürzt. Ist es nicht Ausdruck einer kolonialen Mentalität, ein angeblich alternativloses westliches Zivilisationsmodell exportieren zu wollen? Werden nicht gerade dadurch die Werte der europäischen Zivilisation beschädigt und Chancen für ein gedeihliches Miteinander verspielt, insbesondere auch was Russland betrifft? „Die doppelte Identität Russlands, nämlich sowohl Vertreter der europäischen Kultur als auch Antagonist des Westens zu sein“, könne von großer Bedeutung sein im derzeitigen „geopolitischen Gezeitenwechsel“, vor dem viele bislang die Augen verschließen. Noch gibt es in Russland eine  seltsamerweise tief sitzende Sympathie für die Deutschen. Sie könnte in Enttäuschung umschlagen, zumal sich im Osten längst andere Machtallianzen gebildet haben.

Carsten Gansel (Hg.): Deutschland Russland. Topographien einer literarischen Beziehungsgeschichte. Verbrecher Verlag. 613 S., geb., 39 €.

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