Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Das Ende der Illusionen

Andreas Reckwitz prophezeit ein „Ende der Illusionen“ und operiert mit dem Klassenbegriff

„Die Krise ist keine Katastrophe“

Von Irmtraud Gutschke

„Spätmoderne“ – dass er mit diesem Begriff im Untertitel provoziert, hat Andreas Reckwitz wohl einkalkuliert. So mitreißend wie er argumentiert und formuliert, will er wohl über das Wissenschaftsmilieu hinaus, zielt er auf den medialen und politischen Betrieb. Hilfestellung, um das Hier und Jetzt zu durchschauen: Angesichts alltäglicher Aufregungsproduktion braucht es einen kühlen Kopf.

Dabei ist Andreas Reckwitz nicht der erste und nicht der letzte, der uns ein „Ende der Illusionen“ prophezeit. Dass es nicht mehr so weitergeht wie bisher, pfeifen die Spatzen von den Dächern. Tanz auf der Titanic – oder wird es gar nicht so schlimm? „Züge des Manisch-Depressiven“ diagnostiziert der Soziologieprofessor im öffentlichen Diskurs und verspricht uns Entlastung, indem er die Gefühlsgespenster vertreibt.

Da meldet sich kein Untergangsprophet, der sich in moralischen Appellen an den Einzelnen ergeht. Sein Gedankengebäude ist hoch, aber standfest auf einem soliden sozialökonomischen Fundament. Es sind die Veränderungen in der kapitalistischen Produktionsweise (nicht etwa nur in der Politik), die jene Hoffnungen auf soziale Sicherheit und gesellschaftlichen Aufstieg zunichtemachten, von denen die alte Bundesrepublik noch zehrte. Beginnend schon in den 1970er Jahren trat eine Sättigungskrise mit gleichzeitiger Produktivitätskrise ein, die profitabel gelöst werden sollten. Wenn Grundbedürfnisse befriedigt sind, brauchen Waren eine kulturelle Aura und sind Konsumenten gefragt, die dies im Sinne von Selbstverwirklichung zu würdigen wissen. Die Wissensproduktion benötigt entsprechend Qualifizierte. Parallel dazu wurden Betriebe dorthin verlagert, wo die Produktion billiger ist. Und im Inland wurden die Lohnkosten durch Automatisierung (aber auch durch Arbeitsverdichtung I.G.) gesenkt. Ein wachsender Dienstleistungssektor entstand.

Wie in diesem Buch dargestellt, führte das zu einer veränderten Klassenstruktur. Einerseits hat sich eine „neue Mittelklasse“ aus kosmopolitisch orientierten Hochqualifizierten herausgebildet; Reckwitz hat ihnen seine vielbeachtete Studie „Die Gesellschaft der Singularitäten“ gewidmet. Mit der „service class“ aus Niedrigqualifizierten ergeben sich „zwei diametral entgegengesetzte neue Arbeitswelten“. Dazwischen die traditionelle Mittelklasse mit ihren angestammten Lebensvorstellungen, kulturell entwertet und von Abstiegsängsten bedroht. Denn immer größer wird die Zahl der Ausgeschlossenen innerhalb einer neuen Unterklasse, in der nicht mehr wie früher „Mühsal gegen Status“ getauscht werden kann. In der Oberklasse hat dagegen eine exorbitante Steigerung privater Vermögen stattgefunden.

Wie die einzelnen Klassen und Schichten hier beschrieben sind, konnte ich Personen aus meinem Verwandten- und Bekanntenkreis vor mir sehen. Den immerhin noch gut verdienenden Handwerker und den gerade von seiner Zeitarbeitsfirma Entlassenen höre ich fast unisono räsonieren und klagen. Alle Schuld an der Misere weisen sie den Migranten zu. Wie sie wählen, kann ich mir vorstellen, anders jedenfalls als die Produktdesignerin in Festanstellung, die gerade eine Reise durch Neuseeland gemacht hat oder der junge Journalist, der aus Protest gegen sein bürgerliches Elternhaus weiter links ist als die entsprechende Partei. Und dann gibt es noch diejenigen, die an keinerlei Wahl mehr glauben, die sich nur noch irgendwie durchschlagen, auf demütigende Weise rechenschaftspflichtig gegenüber der „Jobagentur“, wenn sie „aufstocken“ müssen oder ohne Anstellung sind.

Die in dieser Zeitung oft zitierte Schere zwischen Arm und Reich bleibt das Grundlegende. Zum ökonomischen kommt aber ein kultureller Aspekt. Plausibel dargestellt wird hier, wie der Linksliberalismus, zivilisatorisch progressiv, indem er auf Ermächtigung von Individuen und Gruppen setzt, sozusagen als Kehrseite des ökonomischen Neoliberalismus entstand, der die Öffnung der Märkte und den Abbau staatlicher Regulierungen propagiert. Beide gehören zu jenem „Dynamisierungsparadigma“, dessen Krise nach Meinung des Autors „durch die (rechts)populistische Revolte … öffentlich sichtbar und politisch brisant“ geworden ist.

Da gibt Reckwitz uns Linken einige Kröten zu schlucken. Es kann kein Zurück geben in unserem emanzipatorischen Anspruch. Doch wenn wir den Rechtspopulismus nicht wollen, müssen wir Abschied nehmen von lärmendem Hochmut, müssen Menschen, die unter anderen Bedingungen arbeiten und leben, in ihren Bedürfnissen ernst nehmen. Die Anerkennung des Multikulturellen im eigenen Land ist mit der Gerechtigkeitsidee zu verbinden.

„Die Krise ist keine Katastrophe, sondern absolut normal“, heißt es auf Seite 269. „Ein übergreifendes politisches Paradigma hat angesichts gesellschaftlicher Wandlungsprozesse zwangsläufig eine begrenzte Zeit, in der es problemsensibel agieren kann.“ An einem bestimmten Punkt würden „neue Problemdefinitionen und Lösungen verlangt“. Als Herausforderung nennt der Autor die sozialen Unterschiede zwischen Hoch- und Geringqualifizierten, die sich verschärfenden Diskrepanzen zwischen prosperierenden Metropolen und ländlich-kleinstädtischen Räumen, die Pflege und Verbesserung der Infrastruktur. Und schließlich bedarf es einer „ständigen gesamtgesellschaftlichen Aushandlung, was als kulturell wertvoll zählt und was nicht“. Alles plausibel, die Frage ist nur, wie das gehen soll.

Das sei kein Systemwechsel, meint Reckwitz, und grenzt sich zudem ausdrücklich von einem Rechtspopulismus ab, der auf nationale, antiliberale Lösungen setzt. Auch eine Abstiegsgesellschaft sei möglich, sagte er in einem Vortrag. Durch Digitalisierung und Bildungsinflation könnten noch mehr Menschen prekarisiert werden. Im Buch zeichnet er das Bild eines „einbettenden Liberalismus“ als Paradigma der Zukunft, der sich den genannten Herausforderungen stellt. Es ist eine Utopie, die auf Verstand und Verständigung setzt, die, so scheint es mir, eher Runde Tische braucht als Parteiengerangel. Wenn unsere Demokratie aber nur so zu retten ist? Linke werden starke und breite Bündnisse brauchen und eine Vision, die über ihr eigenes Milieu hinausweist.

Andreas Reckwitz: Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne. Edition Suhrkamp. 306 ., br., 18 €.

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