Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Dominik Eulberg: Mikroorgasmen überall

Podcast: www:das.de/buecherberge

Gründe zum Staunen

Wie Dominik Eulberg die Welt der Tiere beobachtet, ist unnachahmlich

Der Autor dieses Buches kommt nicht aus einem Forschungsinstitut. Dominik Eulberg ist seit 28 Jahren Techno-DJ und Produzent für elektronische Musik. Dass er „nur“ Hobby-Biologe ist, mindert seine Sachkenntnis nicht, sondern fügt ihr zugleich Wesentliches hinzu: Begeisterung. „Die Natur ist für mich die größte Künstlerin von allem“, schreibt er in der Einleitung dieses faszinierenden Buches, eine unerschöpfliche Schatzkammer der Freude und auch eine niemals versiegende Inspirationsquelle. Ihr Farben- und Formenreichtum regen mich immer wieder von neuem zu kindlichem Staunen an.“

Staunen – das ist auch die Wirkung dieses Buches, das mit unwahrscheinlich vielen, noch nicht gekannten Einzelheiten überrascht. Es beginnt mit dem Zug der Kraniche, die in aerodynamischer Keilformation die Luft mit ihren Rufen erfüllen. Im Herbst ziehen sie nach Süden. Und wenn sie zurückkehren, kündigen sie den Frühling an. Glücksvögel sind sie in vielen Kulturen der Welt. Und es endet mit den Libellen, die der Autor „fliegende Minidrachen“ nennt. Vor 320 Millionen Jahren eroberten die ersten Libellen unseren Luftraum. Sie sind somit eine der ältesten noch lebenden Tierordnungen der Erde. Einst hatten sie eine Flügelspannweite von 70 Zentimetern, heute sind es maximal 19.  Dass sie jeden ihrer Flügel unabhängig bewegen, Haken schlagen und sogar rückwärts fliegen können, ich wusste es bislang nicht. Und wie sie die Welt sehen, darum können wir sie nur beneiden. In ihren Augen, schreibt der Autor, haben sie 33 verschiedene Farbrezeptoren, während wir gerade mal drei davon besitzen. Sie können also viel farbiger und zehnmal schneller sehen als wir. Genau beschrieben ist, wie sie sich paaren. Manche Leute werden ja schon beobachtet haben, wie sie miteinander verkettet durch die Luft fliegen, nicht aber, wie sie ihre Eier ablegen oder wie eine junge Libelle ihrer Larve entsteigt. Die prachtvolle blau-grün gefärbte große Königslibelle habe ich schon oft an unserem See gesehen. Noch freundlicher werde ich sie mit dem Wissen betrachten, dass sie über hundert Fluginsekten am Tag verzehrt.

Die lästigen Mücken kommen im Buch nicht vor, dafür aber die Florfliegen, deren Augen prachtvoll golden schimmern, die am liebsten die Larven der Wollläuse fressen, oder der grüne Feld-Sandlaufkäfer, der pro Sekunde bis zum Hundertzwanzigfachen seiner Körperlänge zurücklegt. Habt ihr gewusst, dass sich der Laubfrosch innerhalb von Sekunden der Farbe seines Untergrunds anpassen kann, dass auch viele Schmetterlinge ihre Farbe verändern können und dass das Tagpfauenauge durch die markante Augenzeichnung auf den Flügeln potenzielle Fressfeinde abzuschrecken sucht? Alleine die Ameisen bringen es auf 13 000 Arten. Ohne sie könnten viele andere Lebewesen nicht existieren. „Sie lagern mehr Bodenmaterial um als Regenwürmer, halten Schädlinge unter Kontrolle, sind für die Verbreitung zahlreicher Pflanzen unabkömmlich, da sie ihre Samen transportieren …“ Davon ahnte ich nichts, als sie mir unter Terrassenplatten versammelt eher lästig waren.

Wie Dominik Eulberg die Schwarmintelligenz der Ameisen und ihren Staat beschreibt, könnte ein Buch für sich sein. Honigbienen können sich allein mit Hilfe einer inneren Landkarte orientieren. „Eigentlich leben wir auf einem Planeten der Insekten“, resümiert Eulberg. Sie waren die ersten Lebewesen. Seit mehr als vierhundert Millionen Jahren bevölkern sie unsere Erde.“ Und seit über fünfzig Millionen Jahren gibt es die Fledermäuse, die proportional zu ihrer Körpergröße das größte Herz aller Lebewesen haben. Denn während der Jagd steigert sich ihr Puls auf über tausend Schläge pro Minute.

Über ihr raffiniertes Echoortungssystem dürften Leserinnen und Leser schon einiges wissen. „Eine einzelne Wasserfledermaus fängt etwa bis zu fünftausend Mücken pro Nacht.“ Eine Spitzengeschwindigkeit bis zu zweihundert Stundenkilometern erreichen die Mauersegler, die sich sogar in der Luft paaren. Der Gesang der Nachtigall setzt sich aus mehr als dreihundert verschiedenen Strophenmit beeindruckendem Crescendo zusammen. Interessant: „Je gesangsbegabter eine Vogelart ist, desto einzelgängerischer und aggressiver verhält sich ein Individuum gegenüber den Artgenossen.“ Blaumeisen verarbeiten gern Kräuter und Blumen in ihren Nestern. Und die Schlaumeier unter den Vögeln sind wohl die Raben, weshalb sie für die Germanen schon vor dem Mittelalter ein heiliges Symbol für Weisheit und Gedächtnis waren und neben dem Wolf die höchste Stellung als Göttertier hatten.

Biber und Maulwürfe, Blindschleichen und Nattern, Schnecken und Glühwürmchen, Spitzmäuse und Minibären – ein unerschöpfliches Kompendium von Naturwissen ist dieses Buch, lebendig, geradezu packend geschrieben und wunderschön illustriert. Man spürt, wie sich dem Autor in der Beobachtung von Natur das Herz weitet und wie er sich auch als Musiker davon inspiriert fühlt. Und der Naturschutz? Allein der Begriff sei ein Ausdruck der anthropozentrischen Hybris. „Wir vergessen in unserem Übermut, dass die Natur unsere Lebensgrundlage ist.“ Die Natur braucht „keinen Babysitter, sie findet immer einen Weg, uns braucht sie nicht. „Wir alle sind nur Reisende auf dem Rücken eines Riesen.“

Verstehen der Natur? Mit unseren Sinnen nehmen wir nur das wahr, was wir kennen und wofür wir sensibilisiert wurden. Erst dann erblicken wir eine Welt der Wunder …“

Dominik Eulberg: Mikroorgasmen überall. Eichborn, 350 S., geb., 25 €.

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