Schöpfung und Zerstörung
Irmtraud Gutschke
Dies ist nun schon die vierte Graphic Novel aus der Reihe „Sapiens“, die Yuval Noah Harari zusammen mit Daniel Casanave und David Vandermeulen verfasste. Der israelische Historiker, Autor zahlreicher Sachbücher zur Weltgeschichte, hat sich zwei Comicautoren aus Belgien und Frankreich zur Seite geholt. Ein eingespieltes Team sozusagen, international, so wie auch der Erfolg dieser populären Bücher ein internationaler ist. In über 40 Ländern, so heißt es, würden diese Bände verlegt – passend zu einer Zielgruppe, die Information mit Unterhaltung verbinden möchte. Heranwachsende oder Senioren, 14- oder 94-Jährige: Wissen ist hier auf eine grandiose Weise visuell aufbereitet. Mit einer solchen Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, dass viele das ausgereifte Konzept dahinter vielleicht nicht erkennen werden.
Es ist eine Geschichte des Fortschritt, der schon im Titel „Die Zauberlehrlinge“ eine gewisse Skepsis erkennen lässt. Das Kunststück ist ja, wie unterschwellig immer auch Leserinnen und Leser einbezogen sind. Denn das Buch ist von Anfang an dialogisch. Es gibt immer ein Für und Wider. Vor allem aber werden die Fragen einkalkuliert, die aufkommen könnten. Da vertreten der Autor und seine Nichte Zoe unterschiedliche Generationen. Und nicht nur das: Das Kunststück bestand ja darin, diesen Abriss der Geschichte „von Kolumbus bis KI“ zu personalisieren. Das Autorenteam hat sich Gestalten ausdenken müssen, die aus ihrer Sicht zu uns sprechen und mit denen wir in Beziehung treten. Wie wäre es zum Beispiel, wenn man Jahrhunderte geschlafen hätte wie der völlig erschöpfte Landarbeiter zu Beginn des Buches, der erst auf ein Kolumbus-Schiff und dann in die City von New York gerät, der zum ersten Mal einen Elektroroller und einen Fernseher sieht?
Allein schon das Staunen über die hell erleuchteten Städte! Wie viele Erfindungen und wie viel Wagemut waren nötig für dieses Voranschreiten! Antonie van Leeuwenhoek, der 1694 das erste Mal durch ein Mikroslop schaute, Charles Darwins Evolutionstheorie, Edmund Halleys Sterbetabellen, Robert Malthus‘ Bevölkerungsforschung … Zwischendrin der Autor, der sich mit Zoe über das alles unterhält, während im Herd das Essen anbrennt. Oder war es ein Kuchen? Jedenfalls ist es ein Sinnbild dafür, dass auch in der Wissenschaft nicht alles glatt geht.
Die Kriegsführung damals und heute: Harari hat seinen Weg ja als Militärhistoriker begonnen. Die Religion, welche den Menschen Hoffnungen schenkte, aber auch eine gewisse Selbstgenügsamkeit. Der leibhaftige Tod, der bei einer Psychologin auf der Couch landet. Die Naturwissenschaftlerin Professor Saraswarti, die wir schon aus früheren Bänden kennen, spricht in aller offenheit über die Bedeutung von Fördermitteln für die Wissenschaft.
Der Motor der Moderne: Geschäfte, die sich lohnen müssen. Da wird auch anschaulich, wie Banken arbeiten, ja, wie der Kapitalismus funktioniert. Das wird ganz nüchtern gesehen. „Die moderne Wirtschaft basiert also vollständig auf dem Vertrauen in eine imaginäre Zukunft. Das Vertrauen, das der Bäcker und der Bankier in künftigen Gewinne der Bäckerei haben … Und auch das Vertrauen, das der Bauunternehmer in die künftige Zahlungsfähigkeit der Bank hat.“ Aber was, wenn die Menschen das Vertrauen verlieren, darf man sich da fragen.
Wirtschaftswachstum im Interesse aller? Obgleich Harari auf Seiten der kapitalistischen Moderne steht, viele Seiten des Buches gelten deren Schatten. Sklaverei, Kolonialismus, Missachtung der Natur. Kapitalismus bedeutet heute eine „ganze Lebensphilosophie, die jedem einzelnen vorschreibt, wie er sich verhalten, seine Kinder erziehen … und sogar denken soll!“ Was heißt da Liberalismus? Wirklich Freiheit? Und was hat uns das „weiße Kaninchen“ aus „Alice im Wunderland“ dazu zu sagen? Wieso muss sich Professorin Saraswati vor einem Detektiv rechtfertigen? Was ist der Unterschied zwischen biologischer und künstlicher Intelligenz? Wie nah beeinander liegen Schöpfung und Zerstörung?
So klug und zugleich phantasievoll ist dieses Buch – fast mag es einem scheinen, dass der Abschluss der Sapiens-Reihe zugleich ihr Höhepunkt ist. Auf einer Doppelseite am Schluss fliegen die Gestalten des Buches gleichsam als Geister durch den Weltraum. Unter ihnen auch der Autor selbst: „Wir sind selbsternannte Götter, die allein noch den Gesetzen der Physik gehorchen, was bedeutet, dass wir niemandem Rtechenschaft schuldig sind. Aber echte Zufriedenheit finden wir nie.“
Yuval Noah Harari: Sapiens. Die Zauberlehrlinge. Von Kolumbus bis KI, C.H. Beck, 244 S., geb., 28 €.