Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Klaus Bellin: Gegenwelten

Vom Reichtum der deutschen Literatur

Irmtraud Gutschke

„Dichter zwischen Goethe und Fontane“ – der Untertitel klingt sachlich, ja bescheiden. Und leuchtet einem doch entgegen. Denn vorbei sind die Zeiten, dass die Berühmtheiten der deutschen Literatur der Leserschaft selbstverständlich etwas sagten, zumal ihr Werk selbstverständlicher Schulstoff gewesen ist. In seinen Einzelheiten vielleicht von manchen vergessen, aber in seiner Werthaltigkeit nicht angezweifelt. Auf dieses literarisches Erbe hat sich auch früher schon ein riesiger Berg von Neuerscheinungen gehäuft, doch es wurde nichtsdestotrotz als ein Schatz verstanden, den es zu bewahren galt, ja der dem Gegenwärtigen gar als Beispiel dienen konnte. Inzwischen hat das Aktuelle die Macht übernommen. Im Halbjahresrhythmus der Verlagsprogramme bestimmt sich, was gerade wichtig ist. Allein schon deshalb, wird sich für das 2024 erschienene Buch von Klaus Bellin heute kaum eine Zeitungsredaktion erwärmen. Auch aus solchen Gründen ist mir die Webseite „literatursalon.online“ so wichtig.

Klaus Bellin, vor kurzem 90 geworden, arbeitete viele Jahre beim Rundfunk, war dann Redakteur der Weltbühne und war als freiberuflicher Literaturkritiker ein Solitär in der deutschen Presselandschaft. Im Buch ist er mit einem Wagenbach-Band in der Hand vor seinem heimischen Buchregal abgebildet, auf dem ich vieles wiedererkenne, welches auch bei mir zu Hause steht. Wie er diese Vielfalt ständig geistig parat haben konnte, habe ich immer bewundert.

Jüngst war an dieser Stelle von seinem Band „Was bleibet aber. Schriftsteller in der DDR“ die Rede. Dies nun ist eine Sammlung von 32 Texten, die weiter zurück in die Literaturgeschichte gehen: Goethe, Schiller, Hölderlin, Seume, Caroline von Günderrode, Bettine von Arnim, Rahel Varnhagen, Mörike, Keller, Stifter … In gebotener Kürze – viele Beiträge dürften für Zeitungen entstanden sein – gelingt es Bellin, jeweils Besonderes herauszuarbeiten, das, weshalb gerade diese Autorin, dieser Autor Aufmerksamkeit verdient. Die vielfach ja erst hergestellt werden muss. Auch zu DDR-Zeiten, als humanistisches Bildungsgut viel höher im Kurs stand als heute, als literaturgeschichtliches Wissen als unumstrittene Tugend galt, war davon auszugehen, dass dieses Wissen in der Breite der Bevölkerung sehr allgemein und lückenhaft war. Das war für Klaus Bellin die Herausforderung zu seinem eigenen, ganz besonderen Stil.

„Entspannte Tage sollen es werden. Am 13. Mai 1814 fährt Goethe mit seiner Frau Christiane nach Bad Berka zu einem ‚Frühlingsaufenthalt‘ mit Geselligkeit, Trinkkuren, Spaziergängen und Besuchern, ein endgültiger Abschied vom schrecklichen Vorjahr mit all dem Schlachtenlärm und den Aufregungen um Sohn August, der sich den Kämpfern gegen Napoleon anschließen wollte.“ Zwei Sätze, in denen sich ein Jetzt mit einem Vorher verdichtet und die zugleich Spannung wecken. Denn so beschaulich wird es nicht bleiben. Etwas Bedeutsames wird Goethe widerfahren. Und diese „Verjüngung“ hat nichts mit der Trinkkur zu tun, sondern mit dem Dichter Hafis, den er entdeckt.

Fast immer lässt Klaus Bellin Texte mit solch einer konkreten Situation beginnen. Georg Forster, der Weltumsegler und Revolutionär, schreibt sechs Tage vor seinem Tod am 10. Januar 1794 einen letzten Brief an Therese, seine Frau, die mit ihrem Liebhaber in der Schweiz lebt. Heinrich von Kleist erkennt im März 1811 den Kampf um seine Zeitung, die „Berliner Abendblätter“, endgültig verloren und teilt das den Lesern per Anzeige mit. Immer entstehen da kleine Geschichten. Klaus Bellin sieht Annette von Droste-Hülshoff gleichsam „in ihrem Kämmerchen, vor sich das Schreibpapier, die Feder in ihrer Hand konnte sie kaum erkennen“. Nach dem ersten Satz „Die Dämmerung kam früh“ sind wir darauf vorbereitet. Aber woher konnte er das alles wissen?

Das ist das Rätsel seines unnachahmlichen Stils: diese Nähe zu den Autorinnen und Autoren, sodass eine besonders intensive literarische Aneignung entsteht, welche sich nicht allein durch Werkkenntnis erklärt. Klaus Bellin fühlt sich ein, erkennt Menschen in ihrem Wesen, aus dem heraus die literarische Leistung kommt.

Und mit dieser Methode vermag er eminent Wichtiges für die Gegenwart zu leisten: Er gräbt Verschüttetes aus, holt die literarischen Schätze wieder ans Licht, befreit sie vom Staub der Geringschätzung und lässt sie wieder glänzen für jene, denen sie noch etwas bedeuten können. „Gegenwelten“ öffnen sich tatsächlich. Etwas Bleibendes erglänzt entgegen aktueller Oberflächlichkeit.

Klaus Bellin: Gegenwelten. Dichter zwischen Goethe und Fontane. Quartus-Verlag, 152 S., br., 14,90 €.

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