Über den Abgrund eine Brücke
„Die Woche danach“: Helga Schubert über die Arbeit, die Trauer verlangt
Irmtraud Gutschke
Man möchte sie umarmen, wie sie am Bett ihres toten Mannes steht. So viele Jahre hat sie ihn betreut. Wie viele durchwachte Nächte. Todmüde hat sie ihm diesmal gesagt, dass sie sich für zwei Stunden hinlegen müsse. Sie stellte sich den Wecker, um dem Krankenpfleger die Haustür zu öffnen. Doch in der Früh, während sie schlief, war ihr „Lebensmensch“ gegangen.
Am 22. August 2025 „war mein bisheriges Leben zu Ende“, schreibt sie. Trost vielleicht, dass Johannes Helm 98 Jahre alt wurde. Immerhin mehr als ein halbes Jahrhundert waren sie zusammen. Ab 1958 hatte sie an der Humboldt-Universität klinische Psychologie studiert, wo Professor Helm eine international anerkannte Kapazität auf diesem Gebiet gewesen war. Inzwischen kennt man Helga Schubert als Autorin von über zwanzig Büchern. Und viele wissen nicht, dass sie jahrzehntelang als Psychologin gearbeitet hatte. Johannes Helm wurde dann auch als Maler bekannt. Das Haus der beiden in Neu Meteln bei Schwerin: ein Ort der Liebe und der Kunst. „Ich war von jedem Bild verzaubert“, bekennt sie und staunte immer wieder, wie er seine Landschaftsgemälde aus dem Gedächtnis komponieren konnte. Seine Gedanken darüber hat er auch zu Papier gebracht. Zum Beispiel im Buch „Seh ich Raben, ruf ich, Brüder“ – was für ein wunderbarer Titel – und im Band „Gegenwelten“. Denn darum ging es ja beiden: um jenes Eigene, das auch zu ertrotzen war.
Lange war er krank gewesen. Wie sie als Liebende zur Pflegenden werden musste, davon hat Helga Schubert schon 2023 im Band „Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe“ erzählt. Auf eine tief berührende Weise, tröstend auch für Menschen in ähnlicher Lage. Und die neue Veröffentlichung ist ebenso auf derlei Wirkung aus. „Allen, die einen anderen Menschen nicht verloren geben“ – dieses Motto bezieht sich in auf das, was niemandem erspart bleibt: Verluste zu ertragen und die Angst davor. „Er wird immer bei Ihnen sein“, sagte eine Bekannte bei der Trauerfeier für meinen Sohn. Wie sehr hat sie mir mit dieser Bemerkung geholfen! Und genau das erlebt man beim Lesen: Wie Helga Schubert ihren Mann in Gedanken lebendig hält. „Derden“ nennt sie ihn. Dahinter stecken viele ungesagte Sätze. Nicht alles kann ausgesprochen sein. Was das Buch ja auch so reizvoll, ja spannend macht.
So wie hier aus der Ich-Perspektive erzählt wird, so offen, so furchtlos, scheint die Autorin ganz auf Einfühlung aus zu sein. Ich staune, wie tief sie mich erreicht und wie sie mich immer wieder zum Nachdenken bringt. Ein großes Requiem ist dieses Buch und zugleich eine Handreichung. Ganz bei sich, wendet sich Helga Schubert mir, der Lesenden, zu. „In der Nacht vor seinem Tod hatte ich mit ihm das Vaterunser gebetet; ganz leise und langsam … Ich sang sein Lieblingslied Bist du bei mir, geh ich mit Freuden … “ Nicht jedem wird jener christliche Hintergrund bewusst sein, der beiden selbstverständlich war. Das Buch holt uns zu den kirchlichen Zeremonien des Abschiednehmens und der Hoffnung, schwenkt dann aber wieder zum Alltäglich-Weltlichen, dem sich die Trauernde zuwenden muss. Voller Sehnsucht nach rätselhaften Zeichen der Anwesenheit; eine Taube im Garten, ein Pfauenauge, eine Eidechse, ein Grashüpfer auf dem Küchentisch haben tröstende Bedeutung.
Trauer als Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes: Sie muss schreiben, ist zu Veranstaltungen eingeladen. Da liest sich der Text stellenweise wie ein Tagebuch. Die Klagenfurter „Rede zur Literatur“, die sie diesen Juni hielt, wollte vorbereitet sein und ist hier abgedruckt. Was für eine Genugtuung, als Mitglied der Jury diese Ehre zu haben. 2020 hatte sie – mit 80 Jahren – selbst den Bachmann-Preis gewonnen. Aber die Kränkung von einst war damit nicht vergessen. Denn was für eine Verheißung war es 1980 gewesen, nach Klagenfurt eingeladen zu sein. Und welche Beleidigung, dass ihr das Visum verweigert wurde, während andere Autoren frei reisen durften. Sie fühlte sich in der DDR eingemauert, wäre aber nicht weggegangen. Was mir da alles durch den Kopf gegangen ist: zu den unterschiedlichen Privilegien, zur Mauer, mit deren Verschwinden ein ganzer Staat unterging, zum Kalten Krieg zwischen zwei Systemen, zu jenen Ost-West-Differenzen, welche bis heute nachwirken. Und dann erinnerte ich mich, wie ich 1990 in die Jury des Klagenfurter Journalistik-Wettbewerbs eingeladen wurde. Als Literaturredakteurin des ND – was dachte sich der ORF dabei? Wie würden die Feuilleton-Berühmtheiten aus dem Westen reagieren? Sie zeigten mir die kalte Schulter. Nur Rudolf Walter Leonhardt von der „Zeit“ suchte das Gespräch und kam gar auf die Idee, dass ich mit meiner Kollegin dort mal für einen Monat die Plätze tauschen sollte. Als ob wir ebenbürtig wären. Ihre Abfuhr von oben herab war demütigend, aber auch interessant.
Weil das Buch so persönlich ist, weckt es immer wieder persönliche Gedanken. Wie Helga Schubert in sich hineinhorcht, hat etwas Ansteckendes. Sie folgt keiner zwingenden Komposition, gibt Erinnerungen Raum, um dann wieder ins Heute zu wechseln. „Ich möchte mäandern, assoziieren …“ Sie lässt sich tragen vom Prozess des Schreibens. Denn das ist es, was sie für sich braucht, um nicht einer Leere anheimzufallen. Ganz in der Ich-Perspektive, wird fast unbemerkt ein Du mitgedacht. Mag sein, dass es aus ihrer Erfahrung als Psychologin rührt, aber es kommt auch aus ihrer Lebensweisheit und Güte.
Und die ganze Zeit klingt Musik durch den Text – solche, die sie mit ihrem Mann hörte. Vor allem Chopins „Präludium Op.28“ und sein „Nocturne Op.9“ begleiten sie durch dunkle Tage. Dabei sucht sie das Licht. Ein Abgrund tut sich auf, wenn ein geliebter Mensch stirbt. Hier ist man dabei, wie Helga Schubert eine Brücke über diesen Abgrund baut. Selbstermächtigung: Dass sie „als Schriftstellerin, autark sein muss, von Lob und Interesse unabhängig“, überlegt sie am Schluss. Und fühlte sich wohl auch von Psalm 31 bestärkt: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“.
Helga Schubert: Die Woche danach. Ein Stundenbuch der Hoffnung. Dtv, 176 S., geb., 22 €.