Im Fliegengesumm
Macht und Magie, Illusion und Desinformation: „Die Mariborhypnose“ von Dora Kaprálová
Irmtraud Gutschke
Was für ein Kunststück: Zwischen einem Besuch in der slowenischen Stadt Maribor, einem legendären Hypnotiseur und vielen Fliegen jongliert die tschechische Autorin sozusagen mit drei Bällen. Dabei lässt sie – herausfordernde Lektüre – eine Menge Hintersinn aufscheinen. Warum Fliegen? Im Londoner Naturkundemuseum hat die Ich-Erzählerin eine solche aufgespießt gesehen. Wie leicht ihr Leben war ohne die „Ideologie einer Erlösung“ oder auch den „Hauch eines Zweifels“, hat sie gedacht. Wenn sie sich nur selbst so gedankenlos frei fühlen könnte.
Fliegen begleiten sie, während sie Maribor, die im Zweiten Weltkrieg meisterzerstörte Stadt Jugoslawiens, erkundet. Wobei sie selbst „nicht alles aussummen“, sondern eher andeuten will. 59 Kapitel fügen sich zu einem Mosaik. Das letzte ist nur ein Satz: „Für alles ist es zu spät, nur nicht für die Liebe.“ Da darf man sich an Kaprálovás „Winterbuch der Liebe“ von 2024 erinnern, das sich ebenfalls aus funkelnden kleinen Texten zusammensetzte. „Weil die Lieb. Ein Gebet ist …“
Das große, leuchtende Gefühl: Für diese Sehnsucht steht hier der Hypnotiseur Leo Svengali mit seiner Partnerin Elis. 1965 ist er in Maribor gestorben und dort begraben. Aber hat Svengali nicht doch überlebt? Und ist Elis vielleicht zur Fliege geworden?
Wobei der Hypnotiseur von Maribor eigentlich Škerbinac hieß und, wenn nicht den Roman „Trilby“ von George du Maurier (1894), so vielleicht eine der sechs Verfilmungen über „Svengali“ kannte. So wählte er diesen Künstlernamen. Ein charismatischer Mann, der durchaus verstand, „dass Illusionen einen vorübergehenden Trost bringen können, auch wenn sie mit zunehmender Zeit verheerend sind“.
Im Roman trifft Svengali während des Ersten Weltkriegs Jaroslav Hašek und den eingebildeten österreichischen Unteroffizier Josip Broz, ohne zu ahnen, wie der sich auf diabolische Art an seine Elis heranmachen wird. Tito, der Staatschef Jugoslawiens: Kaprálová steht vor einer Statue des Generals mit der kindlichen Aufschrift „Unser Tito“ und überlässt es uns, eine Verbindung zu dem Massengrab in der Vorstadt Tezno herzustellen, wo 15 000 Menschen oder mehr im Mai 1945 von Partisanen erschossen wurden – als Kriegskollaborateure und solche, „die hier offenbar aus Versehen gelandet sind. Wenn der Wald gerodet wird, fallen Späne“, liest sie dazu im Stadtführer.
„Ich denke, wenn die Zeit rückwärts laufen würde wie in manchen Kompositionen von Bach, würden wir eine Menge verstehen.“ Aber es findet gerade ein Heavy-Metal-Festival statt. Und die Ich-Erzählerin sitzt mit der Gattin eines einstigen Ministers zu Tisch, die ihr im Brustton der Überzeugung erklärt, dass „Selenskyj ein Reich von Israel, über Syrien bis nach Polen errichten will“. Um den Kronleuchter schwirren Fliegen. Wenn die etwas fürchten könnten, wäre es die Fliegenpest, „bei der in ihren Körper ein Parasit eindringt. Er umwickelt ihre Nerven und das Kreislaufsystem und fängt an, sich auszudehnen, zu vergrößern und die Richtung ihres Denkens zu ändern. Er dehnt sich mit ähnlicher Geschwindigkeit und Folgen aus wie ein Desinformationskrieg“.
Selbstbesinnung im Empfinden, dass die „Welt schon eine ganze Weile unter Hypnose liegt wie unter einer schweren Bettdecke aus Entenfedern“. Wie „Sklaven absoluter Wahrheiten“ zieht es uns „von Nord nach Süd, von West nach Ost“. Freiheit, wenigstens im Erkennen.
Ein raffiniertes Zeitporträt: Dora Kaprálova erhielt im April 2026 dafür den Preis Magnesia Litera, die wichtigste literarische Auszeichnung Tschechiens. Im Mai wurde ihr der Literaturpreis der Europäischen Union zugesprochen.
Dora Kaprálová: Die Mariborhypnose. Aus dem Tschechischen von Nataša von Kopp. Microtext, 157 S., geb., 24 €.