Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Chinesisches Mosaik

Auf der Zickzack-Brücke

Irmtraud Gutschke

Mit den digitalen Herausforderungen bei der Einreise in Beijing könnte ich beginnen. Oder, gerechterweise, mit den vielen Büchern, die ich vor meiner Visite im „Reich der Mitte“ gelesen habe. Aber mir geht die Zickzack-Brücke im Yu-Garten von Shanghai nicht aus dem Sinn. Die südchinesische Metropole mit aktuell rund 29,6 Millionen Einwohnern (knapp so viel wie Belgien und die Niederlande zusammen) scheint vornehmlich von Wolkenkratzern geprägt. Doch es gibt dort auch „Yuyuan“, die malerische Altstadt mit einem wunderschönen Park.

Der Yu-Garten ist 1559 von einem hohen Beamten der Ming-Dynastie als privates Refugium für seinen Vater angelegt worden, wurde mehrfach restauriert und ist bis heute ein Anziehungspunkt für Einheimische wie Touristen. Künstliche Berge, Seen, Pavillons sind durch eine Zickzack-Brücke verbunden, die neun Biegungen hat. Dies sei ein traditionelles Element chinesischer Gartenkunst, welche bis aufs erste Jahrtausend vor Christi zurückgeht, wurde uns erklärt. Dazu gehört nicht nur üppige Vegetation mit Bäumen und Pflanzen, die jeweils ihre eigene Symbolik haben, auch Steine und Wasser dürfen nicht fehlen. Geht man über die Zickzack-Brücke, erlebt man das in immer neuen Perspektiven. Mit der beruhigenden Gewissheit, von bösen Geistern nicht verfolgt zu werden, denn die bevorzugen gerade Wege.

Der zweigeteilte Blick

Dass chinesische Kultur und Staatlichkeit tiefe Wurzeln haben, ist allgemein bekannt. Wobei man sich den historischen Abstand vor Augen führen muss: Vor etwa 3500 Jahren, als dort die erste schriftlich belegte Hochkultur entstand, befanden sich die germanischen Völker noch in der Bronzezeit. Ein Entwicklungsvorsprung, der uns hinterherhinken lässt? So einfach ist es nicht. China betreffend scheinen sich hierzulande zwei Standpunkte gegenüberzustehen. Die einen verhimmeln, die anderen verdammen diesen Staat. Ein Land, wo rote Fahnen wehen, das unter Führung der kommunistischen Partei den eigenen Traum vom Sozialismus verwirklichen könnte, oder ein autoritäres Einparteiensystem, das die Überwachung der Bevölkerung perfektioniert und nationale Minderheiten unterdrückt?

„Von wegen“, rief da eine Freundin unserer Reiseleiterin, die eigentlich von einer Wüsten-Wanderung erzählen wollte. Die bekommen doch alle möglichen Vergünstigungen, welche wir, die „Han“, (92 Prozent der Bevölkerung) nicht haben. Die arbeiten nicht, die sind faul! Das hörte sich auf lächerliche Weise so ähnlich an wie das Geschimpfe über Migranten hierzulande. Autonomiegesetze gestehen den Minderheiten in China tatsächlich Sonderrechte zu, Subventionen sind geflossen. „Um die Leute ruhig zu halten!“ Die aufgebrachte Äußerung beschäftigte mich noch nach dem Schlafengehen, zumal ich ja nicht in Xinjang, dem Gebiet der Uiguren, und in Tibet gewesen bin, wo es Separationsbestrebungen gibt. Dass China im Zentrum geopolitischen Kräftemessens steht, war der jungen Frau wohl nicht bewusst. Wie innere Konflikte von außen geschürt und ausgenutzt werden, wer in der DDR gelebt hat, könnte da einen Erfahrungsvorsprung haben.

Masse Mensch

Die DDR war etwa so groß (so klein) wie die Provinz Fujian an der Südostküste Chinas, wobei in diesem eher ländlichen Gebiet doppelt so viele Menschen leben. Deutschland hat 83,5 Millionen Einwohner, China  1,41 Milliarden und wird nur von Indien übertroffen. Einem enormen Bevölkerungswachstum, das die Versorgung mit Nahrungsmitteln gefährden würde, setzte China auf Initiative von Deng Xiaoping 1979 die vieldiskutierte Ein-Kind-Politik entgegen, welche allerdings nicht für die nationalen Minderheiten galt. 2015 unter Xi Jinping wurde die Regelung abgeschafft. Heute sind eher Rückgang und Überalterung der Bevölkerung zu verzeichnen.

Aber davon merken ausländische Besucher nichts.  Menschenmassen überall, wie ein wilder Fluss. Sie sind laut, sie drängeln, schieben sich nach vorn, wenn es geht. Die berühmte Terrakotta-Armee in der alten Kaiserstadt Xian müssten doch die meisten irgendwann gesehen haben. Aber in diesem Gewühl schafft man es kaum an die Brüstung, um mal einen genaueren Blick auf die 6000 lebensgroßen Tonfiguren zu werfen. In einer Schlachtordnung haben sie sich formiert, um Kaiser Qin Shi Huang Di im Jenseits zu beschützen.

Einen solchen Andrang würden Museen bei uns nicht zulassen. Ob Interessenten auch mal weggeschickt werden müssen, will ich wissen. Niemals, bekomme ich zur Antwort, da lässt man das Museum eben länger offen. Notfalls bis Mitternacht.

Dieses Zulassen erstaunt mich genauso sehr wie das Gegenteil. In China scheint vieles geduldet, und dabei ist Aufsicht allgegenwärtig. Pässe vorzeigen und Taschenkontrollen bei Zugfahrten und Sehenswürdigkeiten sind Routine. Ob man Angst vor Taschendieben haben müsse, frage ich, als wir uns an vielen Leuten vorbei durch eine schmale Einkaufsstraße schlängeln. Herzliches Lachen seitens der Reiseleiterin. Vor Jahren habe mal jemand seine Geldbörse vermisst. Nach Minuten habe er sie wiederbekommen, sagt sie und zeigt auf die Kameras über unseren Köpfen.

Keine Obdachlosen, keine Bettler. Ich weiß nicht, irgendwo wird es sie vielleicht geben. Aber wir haben auch ärmere Wohngebiete gesehen, alte Häuser, in denen es noch Gemeinschaftsbäder
und -küchen gibt. Die deshalb vor dem Abriss stehen, wogegen sich Bewohner wehren. Die neuen Hochhäuser – überall schießen sie aus dem Boden – locken sie nicht, weil ihnen das Gewohnte im Zentrum lieber ist.

Die Partei – das ist nicht nur Xi Jinping

Über 800 Millionen Menschen aus extremer Armut befreit zu haben, kann sich die KPCh zugutehalten. Bescheidener Wohlstand für alle ist das Ziel. Will man den Markt als Werkzeug dafür nutzen, würde  „markmechanische Ungleichheit“ in gewissem Maße in Kauf genommen, einer radikalen neoliberalen Öffnung müsse indes immer wieder ein Riegel vorgeschoben werden. Die Partei darf nicht die Kontrolle verlieren, so war es in einem Gespräch bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Peking zu hören.

Wie aber funktioniert das? Dass die KPch derzeit über 101 Millionen Mitglieder hat und jeder eine Kandidatenzeit durchläuft, erfahre ich. Die Wandzeitungen mit kleinen Porträts und Erklärungen auf Chinesisch – in Museen, Restaurants, Bahnhöfen – waren mir zunächst nicht aufgefallen. Inzwischen weiß ich: Hier machen Parteimitglieder sich ansprechbar. „Wo ein Genosse ist, ist die Partei“  – in der DDR gab es diese Floskel ja auch. Aber war dieser einzelne Genosse denn bereit und fähig, etwas auszurichten? Wie derlei Eigeninitiative in China systemprägend ist, höre ich. Klar, dieses Riesenland lässt sich nicht allein durch ein Politbüro regieren. Dezentrale Leitung dürfte indes auch ihre Probleme haben. Machtmissbrauch, Korruption oder einfach Verantwortungslosigkeit? Zulassen und Kontrolle – sind hier zwei Seiten einer Medaille. 

Grund und Boden sind nicht privatisiert. Große Firmen, der Finanzmarkt sowieso, stehen unter Verantwortung des Staates. Der Huawei-Gründer Ren Zhengfei, höre ich, würde nur etwa 1 % der Unternehmensanteile halten. Knapp 99 Prozent gehören über eine Gewerkschaft den Mitarbeitern. Gerade lese ich in der „Jungen Welt“, dass der chinesische Export- und Importzuwachs alle Prognosen übertrifft. Aber Firmenpleiten sind auch in China möglich. Um Arbeitsplatzverluste zu vermeiden, können unrentable Unternehmen staatlicherseits am Leben gehalten werden, aber das geschieht nicht immer. Wohin wendet man sich, wenn man einen neuen Arbeitsplatz oder eine Wohnung braucht? Ans „Nachbarschaftskomitee“ am besten, da kann einem weitergeholfen werden.

Ehrenamtlich? Es gibt dort auch hauptamtlich Angestellte. Gern hätte ich mal genauer gesehen, wie das funktioniert. Dass auf diesem Weg auch Kontrolle ausgeübt wird, ich zweifle nicht daran, weil das in China eben dazugehört, genauso wie die Verpflichtung zu sozialer Fürsorge.

„Konkubinen“ ohne Kaiser

Wenn man mich fragt, was das befremdlichste für mich in China war, so denke ich an die „Konkubinen“ ohne Kaiser. In der „Verbotenen Stadt“ in Peking, dieser riesigen Palast-Anlage, sind mir solche jungen Frauen in historischen Kostümen zum ersten Mal aufgefallen. Die 24 Ming- und Qing-Kaiser, die dort residierten, hatten ja neben einer Ehefrau auch ganz offiziell ihre Konkubinen, die in ihrer Nähe lebten. Die schienen mir auf seltsame Weise wiederauferstanden zu sein, nur fehlte ihnen der Kaiser. Nicht immer hatten sie junge Männer zur Seite, die sie fotografierten. Oft half eine Freundin oder sie machten ein Selfie.

Auch in der alten Kaiserstadt Xian sieht man sie über die Stadtmauer flanieren. Dort entdeckte ich auch einen Laden, wo man –  gegen Gebühr natürlich – historischen Kostüme ausleihen, sich frisieren und schminken lassen kann. Ein Geschäftsmodell also. Aber was haben die jungen Frauen davon? Vergnügen, sich mal als Kaiserin zu fühlen, bekomme ich zur Antwort. Sie fühlen sich auf diese Weise einfach schön und werben für sich im Internet. Wieso haben sie denn so viel Freizeit? Sie müssten doch jetzt in der Schule oder der Uni sein. Die hätten die meisten von ihnen schon absolviert. Aber warum arbeiten sie dann nicht? – Weil sie nichts Passendes für sich finden.

Ich verstehe: Nicht irgendwas wollen sie tun, sondern etwas Besonderes, Interessantes, Gutbezahltes. Selbstverwirklichung – dieses Bestreben ist auch in China angekommen. Für die 14 Millionen Studierende, die jährlich ihren Abschluss machen, reichen solche Angebote nicht, mit denen man sich brüsten kann. Dabei gibt es durchaus offene Stellen, aber diese jungen Frauen wollen sie nicht, ebenso wenig womöglich, wie sie Kinder wollen.

Auch wenn China eine neoliberale Öffnung vermeidet, wie es in der Rosa-Luxemburg-Stiftung hieß, die entsprechende individualistische Kultur des Westens hat dennoch Einzug gehalten. Prostitution ist in der Volksrepublik strengstens verboten, aber diese „Konkubinen“ sind harmlos. Sollen sie doch posieren, wenn sie dem Staat nicht zur Last fallen. An ihren Eltern liegt es, das Vergnügen der Töchter zu finanzieren.

Keine Sozialhilfe? Nur für die wirklich Armen gibt es die. Nicht für die Mittelklasse. Lieber schafft der Staat Arbeitsplätze, als dass er für Nicht-Arbeit zahlt. So viel Personal überall – auf Bahnhöfen, in den Zügen, auf Flughäfen … Dass derlei Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen womöglich rentabler sind als Zahlung ohne Gegenleistung, überlege ich. Die würde ja auch böses Blut schaffen bei jenen, die sich krumm machen müssen, wie man hierzulande sieht. Andererseits ist es ein Stück Freiheit, eine soziale Errungenschaft … Oder nicht? Es gehört ja zu einer Reise in die Fremde, dass man über das Eigene nachdenkt.

Gleise, Brücken, Tunnel

Ein Witz kam mir zu Ohren: Kanzler Merz hat sich an Xi gewandt (was völlig unmöglich ist), um den Bau einer Brücke in Auftrag zu geben.  Das Ansinnen sei eine Ehre, bekommt er zur Antwort. Aber es müsse schon ein größeres Projekt sein. Für eine Angelegenheit von ein, zwei Wochen würde sich der weite Weg nicht lohnen.

Tatsächlich legt man die Ohren an, wenn man vom Hochgeschwindigkeitszug aus mit über 350 km/h die riesigen  neugebauten Brücken sieht, die sich nicht selten überkreuzen. Bei uns dagegen ist alles schon alt, sowieso viel kleiner und inzwischen marode. Die U-Bahnen, die dort in kürzesten Abständen verkehren, brauchen keine Fahrer mehr. Wie alles in China präzise klappt, man kann neidisch werden.

Bahnhöfe größer als Flughäfen bei uns. Zu jedem Bahnsteig gehört ein extra Wartebereich. Fahrkarten beinhalten immer auch Platzreservierung. Hochgeschwindigkeitszüge verbinden inzwischen mehr als 500 Städte. Hervorragender Service im Waggon, sogar warmes Mittagessen wird auf Bestellung gebracht. Und trotzdem sind es lange Reisen. Von Xian bis nach Guilin, wo eine Fahrt auf dem  Li-Fluss wartet, sind es zehn Stunden. Bis nach Shanghai dann noch einmal acht. Ruhe findet man kaum. Chinesische Reisende könnten einen anstecken mit ihrer Lebenslust, wenn man sie verstehen würde. Wenn man nicht gerade durch einen der langen Tunnel fährt, die das Gebirge durchqueren, sieht man dicht bewaldete Berge, Wiesen, Reisfelder mit Bauernhäusern, in denen keine Armut wohnt. Wie grün dieses Land ist, ich hatte es nicht geahnt.

Tatsächlich könnte man hier auch einen erholsamen Natur-Urlaub machen. Von der malerischen Stadt Guilin einen Ausflug zum Fuboshan-Berg unternehmen – mit der „Höhle der zurückgekehrten Perle“, der „Höhle der Tausend Buddhas“ sowie dem Schwert-Test-Felsen. Dann dem Li-Fluss an imposanten Kegelbergen entlang durch eine bizarre Karst-Landschaft folgen bis in den kleinen Ort Yangshuo. Und dort Station machen, in aller Ruhe die Umgebung erkunden.

Gebete für „Beamte“

So viele Tempel und Klöster: Beginnend schon mit dem „Himmelstempel“ in Peking, zu dem die chinesischen Kaiser in einer Sänfte getragen wurden, damit sie für eine gute Ernte und die Ewigkeit ihrer Herrschaft beteten. Denn beides hängt ja zusammen. Missernten und Hungersnöte haben in China wiederholt zu Unruhen, Aufständen, ja zum Sturz ganzer Dynastien geführt. Da half es einem Kaiser nicht, das „Mandat des Himmels“ zu beanspruchen. Denn eine Missernte bewies ja, dass er es verloren hatte.

Da nützten im auch all seine vielen Beamten nicht. Die Schwierigkeit der Prüfungen, ehe sie in die Hierarchie des Hofes aufsteigen konnten, ist ja legendär. Nur die fähigsten Männer konnten es in den Verwaltungsapparat des Kaiserreiches schaffen. Zunächst auf Kreisebene, dann in der Provinz und schließlich in der Hauptstadt hatte man zu beweisen, dass man die klassischen Schriften kannte und für die Gegenwart schöpferisch zu interpretieren wusste. Zudem war es ein moralischer Test entsprechend der konfuzianischen Lehre. Die Herkunft zählte nicht. Bildung, Güte, Pflichtbewusstsein und Respekt mussten zusammenkommen, um als „edler“ Mensch zu gelten.

Nur die Fähigsten in Machtpositionen – manchmal scheint einem ja das Gegenteil üblich. Was wäre nötig, um diesem Ziel nahezukommen? Und wäre es überhaupt erwünscht? Denn diese „Edlen“ würden ja klug abwägend und unbestechlich sein.

Welches Prestige der Beamtenapparat  traditionell genießt, wurde mir im „Cheng Huang Miao“, dem berühmten „Stadtgott-Tempel“ in Shanghai auf irritierende Weise vor Augen geführt. Ob darin wirklich alles aus der Song-Zeit (960 bis 1279) stammt, die als ein goldenes Zeitalter der chinesischen Zivilisation gilt, ich weiß es nicht. Dubioses Prozedere: Junge Leute verbeugen sich mit Weihrauchstäbchen vor verschiedenen Schreinen mit Statuen, welche, wie mir erklärt wird, Schutzgötter von Shanghai darstellen sollen. Götter? Nein, eigentlich seien es Beamte mit unterschiedlichen praktischen Zuständigkeiten. Man kann zum Beispiel um eine gute Wohnung bitten. Besonderen Zulauf scheint jener Dicke zu haben, der für das Schulwesen zuständig ist. Bei dem holen sich Jugendliche Zuversicht vor einer schwierigen Prüfung.

In einer anderen Vitrine sehe ich gleich zwei solcher „Götter“. Der eine wirkt freundlich, der andere grimmig. Aber das muss doch so sein, erklärt mir die Reiseführerin. Niemals existiert das Gute allein. Es gibt immer einen Gegenpol. Beides muss man sehen, um die  Balance zu finden. Harmonie ist Arbeit.

Ein anderes Denken

Einverstanden, nennen wir es Dialektik. Die Einheit der Gegensätze gilt in der chinesischen Weltsicht als dermaßen selbstverständlich, dass man sie niemandem zu erklären braucht. Yin und Yang sind zwei Aspekte eines Ganzen, ebenso wie Licht und Dunkelheit und „Tian Di“, Himmel und Erde. „Tian’anmen“ heißt himmlischer Frieden. Wie ausgerechnet dieser so bezeichnete Platz im Herzen von Peking 1989 zum Ort einer Revolte werden konnte, die niedergeschlagen wurde, ruft nach Erörterung. Vielleicht in einem weiteren Text, der diesem „chinesischen Mosaik“ (eher ist es wohl ein Puzzle, in dem noch vieles fehlt) ein paar „Steinchen“ hinzufügen würde? Über die unterirdischen Paläste und über den „Heiratsmarkt“ habe ich noch nicht gesprochen, über lesenswerte China-Bücher und viel zu wenig über die Spezifik chinesischen Denkens selbst.

Was bedeutet „Dao“, der Weg? Wenn ich mich selbst anschaue, Irgendwie bin ich stärker auf Tatkraft gepolt, halte es fast für Schwäche, etwas fließen zu lassen. Aber im Chinesischen gibt es das Prinzip „Wu-wei“, Handeln-Nichthandeln im Einklang mit dem Fluss des Lebens. Geduld als Weisheit, weil eben nur böse Geister gerade Wege lieben und es deshalb eben über die Zickzack-Brücke nicht schaffen. Auch über die bösen und die guten Geister in der chinesischen Mythologie ließe sich noch manches sagen.

Doch erst einmal sei Volker Braun zitiert. „Auf der Neun-Biegungen-Brücke, Shanghai 1988“ ist sein Gedicht überschrieben, das im Band „Lustgarten, Preußen“ (Suhrkamp 1996) enthalten ist. „Die bösen Geister laufen nur gradaus“, heißt es darin. „Als wie der Dämon / Der Ideologen / Mir nicht folgt in den blühenden Garten.“

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