Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

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Die Hüterin der Drachen

Lindwurm willkommen

Von Irmtraud Gutschke

Vielleicht das schönste Kinderbuch im Herbst 2022. Aber ist es überhaupt ein Kinderbuch? Für Leser ab 7 ist es gedacht, aber werden nicht vor allem auch Erwachsene in jubelnde Begeisterung geraten angesichts der Illustrationen von Tomislav Tomic, der uns mit feinem Strich und überbordender Detailfreude in eine magische Welt entführt. Ist es der Wyvern, die häufigste Drachenart Europas, die wir in Grün und Gold auf dem Titelbild sehen?

Aber was heißt häufig? „Die Hüterin der Drachen“, die als „Curatoria Draconis“ als Autorin des Buches fungiert, hat ja extra eine illustre Schiffsmannschaft zusammengestellt, um die seltenen noch lebenden Exemplare aufzuspüren und ihnen auf der „Drachen-Arche“ einen Schutzraum zu geben. Schon wie die Besatzung auf den ersten beiden Seiten vorgestellt wird, ist ein Kunststück für sich. Eine Art „Raumschiff Enterprise“ für die bedrohten Wunder der Erde, politisch korrekt halb weiblich, halb männlich und aus Angehörigen verschiedener Ethnien zusammengestellt. Das Schiff, die „Drachen-Arche“, betört mit Steampunk-Ästhetik, und auch das Quartier der Drachen-Hüterin ist leicht nostalgisch angehaucht.

Los geht die Reise in Ozeanien, denn in den australischen Regenwäldern finden Drachen ideale Tarnung und Ruhe. Ob der Lindwurm wohl ein bequemer Gast auf dem Schiff sein kann? Professor P. Howie, der leitende Historiker, jedenfalls hat ihn in sein Herz geschlossen. In den geheimnisvollsten Tiefen des Ozans, im Mariannengraben, der tiefsten Stelle der Weltmeere, lebt ein Taniwha-Drachenpaar. Auf unnachahmliche Weise führt uns Tomic diese schuppigen Seeschlangen vor Augen, die sich den Menschen auch als Wale oder Haie zeigen und mit ihren riesigen Kiefern versehentlich Plastikmüll verschlucken können, was für sie sehr gefährlich ist.

Auch die Drachen in der Antarktis sind in Gefahr, wenn das Eis dort schmilzt. Der Frostdrache ist kleiner als der Eisdrache, aber durchaus auch auf das Gletscher-Eis angewiesen. Noch nie habe ich daran gedacht, dass Südamerika die Form einer Drachenkralle hat. Und den Amazonas Dschungel, den größten Regenwald der Welt, habe ich auch noch nie gesehen. Wie wundersam farbig ihn Tomislav Tomic gemalt hat! „Wehe dem Menschen, der Bäume fällen will, die unter dem Schutz eines Drachen stehen!“ Nicht nur die vielköpfige Hydra gibt es dort, die im übrigen recht friedlich ist, sondern auch die zierlichen Parvula-Drachen, die nur eine Flügelspannweite von 10 bis 15 Zentimetern haben. Sie könnten als Haustierart begehrt sein. Deshalb gilt die Warnung, die Existenz dieser Spezies geheim zu halten.

„Die Drachen Nordamerikas müssen besonders listig sein, um in den weiten Prärien Kanadas und der USA unentdeckt zu bleiben. Die Hüterin der Drachen hat es geschafft, dass ein riesiger roter Gowr – diese Panzerdrachen werden bis zu zwölf Metern lang – zu ihr Vertrauen fasste. Eine Bergdrachen-Familie, die sie in Colorado aufsuchte, hat ihr berichtet, wie wichtig für sie der Genuss von Mineralien ist. Aquamarin gibt den Schuppen eine leuchtende Farbe, Diamant macht sie hart …

Auf dem Europa-Deck der Drachen-Arche finden sich Wyvern, die wahre Erzählkünstler sind, obwohl sie keine Möglichkeit haben, ein Buch zu halten. Sie gehören zu den Wachdrachen, wie sie zum Beispiel aus der Sage vom „goldenen Vlies“ bekannt sind. Heute sind sie in einem Waldgebiet namens Puzzlewood in Großbritannien zu finden, um das sich zahlreiche Legenden ranken. Sie sind geschickt darin, ihre äußere Erscheinung den Blättern anzupassen. Wohingegen die afrikanische Amphitere gern die Farbe des Sandes in der Sahara annimmt.

Ein Höhepunkt der Reise erwartet uns allerdings in Asien, wo der Shenlong als Regenbringer verehrt wird. Außerdem besitzt er eine magische Perle, die ihm Weisheit und Kraft verleiht. Aber das wunderbarste, mächtigste Geschöpf ist der Tian-Long. Nur im Jahr des fünften chinesischen Tierkreiszeichens kann er überhaupt gefunden werden. Und der „Erdbeermond“ (der Vollmond im Juni) muss erstrahlen. Die Drachenhüterin hat den magischen Himmelsdrachen noch nie zu Gesicht bekommen. Ob es ihr jetzt gelingt, ihn zu finden und auf ihre Arche mitzunehmen, um ihn vor dem Aussterben zu bewahren?

Die Wunder dieser Welt sind bedroht. Das ist die Botschaft dieses wahrhaft wundersamen Buches.

Die Hüterin der Drachen. Auf der Suche nach dem letzten Himmelsdrachen. Text von Curatoria Draconis. Illustrationen von Tomislav Tomic. Prestel Verlag, 80 S., geb., 26 €.

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