Alles Aberglaube?
Irmtraud Gutschke
Einhörner kann man im Spielzeugladen kaufen. Der Meerjungfrau hat wenigstens Hans Christian Andersen ein Denkmal gesetzt. Und die Drachen wurden allesamt getötet. Der Heilige Georg, verehrt in vielen Ländern, hat damit ja zugleich den Teufel besiegt. Wobei es zu einfach wäre, in den Religionen die Feinde der Fabelwesen zu sehen. Mitunter verbündeten sie sich auch mit ihnen.
Alles Aberglaube? Mag es so sein. Es ist doch beruhigend, dass es keine Werwölfe gibt. Sollte jemand Sehnsucht nach ihnen haben, kann er sie in Fantasybüchern und in Netflix-Serien finden. Sowieso sind von derlei magischen Wesen die wenigsten in unseren Breiten zu Hause gewesen, wie dieses Buch vor Augen führt. Warum wohl? Weil die Aufklärung mit derlei Humbug aufgeräumt hat. Gut so, aber ein Hauch Sehnsucht bleibt zurück.
Davon lebt dieses Buch, welches nicht nur Kindern ab 10 gefallen wird. Allein schon, weil es so wunder-wunderschön ist. In die großen, leuchtend farbigen Bilder von Victoria Topping verliebt man sich auf den ersten Blick. Und die Texte von Martin Maudsley lassen staunen, wie er all die Monster, Bestien und Fabelwesen aus aller Welt dermaßen genau beschreiben kann. Allerdings darf man versuchen, auch selbst mal im Internet fündig zu werden. Wer hätte gedacht, dass die KI den Allicanto, den Vogeldämon der Chilenen, den unersättlichen Golon aus den schneebedeckten Wäldern Skandinaviens und die schlangenähnliche Halbgöttin Naga aus Indien und Nepal so gut kennt.
Das Wissen um den Oger, ein menschenfressendes Monster, das massig, aber auch dumm ist, scheint sogar sehr lebendig zu sein. Denn Macron hat Putin einen solchen genannt, und Lawrow protestierte gegen die „vulgäre Beleidigung“, gab sie als geschulter Diplomat aber auch nicht zurück. Ich weiß auch nicht, wie er Macron hätte nennen sollen.
Interessant, dass die verschiedenen Mythen und Legenden durchaus wissenschaftlich ernst genommen wurden. Vom Chupoacabra, einem Blutsauger, der vor allem Ziegen auf Bauernhöfen angreift, ist erst seit Ende des vorigen Jahrhundert die Rede. Sind es etwa streunende Hunde, die wegen ihres Kontakts mit chemischen Schadstoffen in Flüssen von einer Hautkrankheit befallen wurden? Und könnte es den „Mongolischen Todeswurm“ vielleicht wirklich geben?
Da merke ich, wie es meinen Geist schon wieder auf rationale Abwege zieht, während dieses Buch doch das Gegenteilige feiern will.
Erwachsene, gönnt euch dieses Fest der Phantasie und macht auch Kindern damit eine Freude. Gezeigt wird sogar wie man bösartige Geschöpfe austricksen kann. „Etwa, indem du ein Sieb vor deine Haustür stellst. Das Monster muss dann zwanghaft die Löcher zählen …“ Woran man sehen kann, wie deutsch kalkulierend die Monster bei uns schon geworden sind. Wohingegen man in China Zickzack-Brücken baut, weil böse Geister nur geradlinig unterwegs sein können, und sich durch hohe Türschwellen schützt, die sie hüpfend nicht überwinden können.
Martin Maudsley/ Victoria Topping: Monstrologica. Von Monstern und magischen Wesen in den Mythen der Welt. Seemanns Bilderbande. 112 S., geb., 25 €.
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