Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Peter Carnavas: Der Elefant

Depression. Was tun?

Peter Carnavas hat eine feinsinnige, wunderschöne – und überzeugende – „Geschichte gegen die Traurigkeit“ verfasst

Von Irmtraud Gutschke

Ein Buch zu diesem schwierigen Thema für Kinder von sechs Jahren an? An der Geschichte von Peter Carnavas stimmt alles. Sie ist voller Lebensweisheit und gleichzeitig erfüllt von einer Phantasie, die kleine Kinder vielleicht uns Erwachsenen voraushaben. Im Mittelpunkt ein liebenswertes und liebevolles, kluges und beherztes Kind: Olive. Ihre Mutter ist ein Jahr nach ihrer Geburt gestorben, sie hat sie nie kennengelernt und ist auch traurig darüber. Aber schlimmer noch hat es ihren Vater getroffen. Wenn er von Arbeit nach Hause kommt, sitzt er nur schweigend am Tisch und kann sich zu nichts mehr aufraffen. Vergeblich wartet Olive jeden Tag, dass er ihr Fahrrad repariert. Da sieht sie einen riesigen grauen Elefanten neben ihm sitzen. Was für ein passendes Bild für eine Depression.

Davon erzählt sie aber nur ihrem Freund Arthur. Und es dauert eine Weile, ehe sie es auch ihrem lieben Großvater bekennt, der eine Zeitlang auch eine graue Schildkröte neben sich hatte. Und Olive hat Freddie, einen an sich lustigen Hund, über den man erst am Schluss etwas sehr Wichtiges erfährt.

Peter Carnavas hat es geschafft, die Traurigkeit anzuerkennen und seinem Buch – auch durch seine Zeichnungen – zugleich eine fröhliche Atmosphäre zu geben. Da gefiel mir auch die Lehrerin Ms. March mit ihrer Idee anlässlich des 100. Geburtstages der Schule: Jeder möge etwas Altes mitbringen. Dinge, die verstaubten und beinahe auf dem Müll gelandet wären, kommen nun zu Ehre: ein altes Fahrrad, ein Plattenspieler, eine Schreibmaschine, eine „Quetschkommode“ … Da hat der Autor unserer schnelllebigen Zeit etwas entgegensetzen wollen. Das betrifft auch die Art, wie Olive und der Großvater miteinander umgehen, wie er ihr die Augen für den interessanten Augenblick öffnet, und sei es nur, dass sie zusammen Papierflieger falten.

Bis zum Schluss wissen wir nicht, wie es Olive gelingen könnte den Elefanten zu verjagen, der ihres Vaters Gemüt beschwert. Wie es gelingt, ist durchaus nachvollziehbar, verlangt aber Einfallsreichtum, Lebenskraft und vor allem Liebe.

Peter Carnavas: Der Elefant. Eine Geschichte gegen die Traurigkeit. Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann. C. Hanser Verlag, 165 S., geb., 14 €.

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