Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Ruth Werner: Die gepanzerte Doris

„Ich nenne sie Achter Mai“

Wieder neu auf dem Buchmarkt: „Die gepanzerte Doris“ von Ruth Werner mit Bildern von Gertrud Zucker

Von Irmtraud Gutschke

Wie Gertrud Zucker es schafft, mit kräftigem Strich ganz differenzierte Stimmungen auszudrücken! Oft allein schon dadurch, wie sie den Mund der neunjährigen Gerti zeichnet. Denn um sie geht es hier vor allem, auch wenn das Kinderbuch von Ruth Werner „Die gepanzerte Doris“ heißt. Dabei handelt es sich um ein Geburtstagsgeschenk des Vaters, der gerade in Bulgarien Maschinen montiert. Kann man denn Schildkröten per Post schicken? Ja, offenbar bietet DHL auch Tierversand an. Aber das Buch handelt, wie man schnell feststellt, in der DDR. Das stellt man schon auf Seite 1 fest, wo Gerti Staatsrat schreiben soll, was der Leiv Verlag in einer Fußnote mit „das kollektive Staatsoberhaupt der DDR“ erklärt. Auf Seite 9 gibt es eine Erklärung für „Sowjetunion“ und auf Seite 12 für „Achter Mai“. Letztgenannter Begriff war dem kleinen Mädchen so geläufig, dass sie ihre Schildkröte „Achter Mai“ nennen wollte, aber die Mutter meinte, dass dies kein Name für ein Tier ist. „Du kannst doch die Schildkröte nicht nach unserem Tag der Befeiung nennen. Das ist unernst.“ „Aber Menschen kann man so nenen?“, fragte Gerti. „Menschen auch nicht“, erwiderte die Muteer. „Doch Vatis Brigade heißt so, und das sind Menschen.“ Da verbirgt sich in einem Dialog eine ganze, für viele versunkene oder gänzlich unbekannt Gedankenwelt.

Schließlich einigten sie sich darauf, dass „Achtermai“ der Nachname und Doris der Vorname sein sollte. Beeindruckend nacherlebbar erzählt Ruth Werner von der Liebe zu einem Tier, von achtungsvoller Fürsorglichkeit, weil so eine Schildkröte, obwohl gepanzert, eben kein Spielzeug ist. Und Gertrud Zucker setzt es so ins Bild, dass Kinder, denen man das Buch vorgelesen hat, die Geschichte sogar nacherzählen könnten. Wie freundlich es in der Familie zugeht und wie das Liebevolle auf das Kind abfärbt ebenso wie Entschlossenheit und Mut.

Das Buch endet mit einer Sommerreise an die Ostsee. Am Strand gefällt es der Schildkröte offensichtlich gut. Und… nein, das Ende soll nicht verraten werden. Nennen wir es nachdenklich, getragen von starker Lebenskraft. Die ganze Zeit fragte ich mich, ob die Geschichte insofern etwas Autobiografisches hat, dass es auch in der Familie der Autorin mal eine Schildkröte gab. Das könnten ihre Kinder Maik Hamburger, Janina Blankenfeld (1936-2012) und Peter Beurton sagen. Ersterer allderdings, Publizist und Dramaturg, einer der bedeutendsten Shakespeare-Kenner, ist am 6. Januar 2020 im Alter von 88 Jahren verstorben. Dr. Peter Beurton ist inzwischen auch schon 77. Und der Todestag ihrer Mutter jährt sich am 7. Juli zum 20. Mal.

Was viele vielleicht nicht wissen, Ruth Werner ist ein Pseudonym, gedacht zur Publikation ihrer Bücher. Die wahre Identität von Ursula Beurton, zuvor Ursula Hamburger, geboren als Ursula Maria Kuczynski blieb so lange geheim bis ihre Verschwiegenheitspflicht erfüllt war. In ihrem wohl berühmtesten Buch, „Sonjas Rapport“ erzählt sie unter anderem von ihren Kontakten zu Richard Sorge, der sie für die GRU, den militärischen Nachrichtendienst der UdSSR, anwarb. Richard Sorge wurde 1941 in Japan enttarnt und 1944 gehängt. Wie Ruth Werner immer wieder der Verhaftung entging und als vielleicht erfolgreichste Kundschafterin der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg in vielen Ländern aktiv war, erscheint heute als spannende Geschichte, die damals für die deutsche Kommunistin bitter ernst war. So war der 8. Mai als Tag der Niederlage des Naziregimes für sie von einer ganz besonderen Bedeutung. Sie konnte aber auch augenzwinkernd mit dem Begriff umgehen, wie man diesem Buch entnimmt.

Es ist die einzige Neuausgabe momentan auf dem Buchmarkt. Alles andere von Ruth Werner ist nur noch antiquarisch zu haben.

Ruth Werner: Die gepanzerte Doris. Illustrationen von Gertrud Zucker. LeiV Verlag, 56 S., geb., 12,90 €.

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