Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Daniela Krien: der Brand

Podcast auf http://dasnd.de/buecherberge

Die Last des guten Lebens

Szenen einer Ehe und Gesellschaftsbild: der neue Roman von Daniela Krien

Von Irmtraud Gutschke

„Der Brand“, den der Romantitel ankündigt, fand abseits des Geschehens statt und war doch schicksalhaft. Denn würde das Ferienhaus in den Ammergauer Alpen noch stehen, „in völliger Alleinlage, auf einem Wiesenhügel“, ohne Internet und Fernsehen, wären sich zwei wohl ziemlich auf die Nerven gegangen, wenn nicht etwas Unerwartetes geschehen wäre. Sie hatten sich gefreut. Peter hatte teure Wanderausrüstungen gekauft, und Rahel hatte gehofft, ihre Ehe zu retten. In die Enttäuschung über den verpatzten Urlaub hinein lässt die Autorin das Telefon klingeln: Ruth, die Freundin von Rahels verstorbener Mutter, bittet um Hilfe. Jemand muss ihren Hof in der Uckermark hüten. Denn Viktor, ihr Mann, hat einen Schlaganfall erlitten. In der Rehaklinik in Ahrenshoop will sie ihm nahe sein.

„Die Liebe im Ernstfall“ – der Titel von Daniela Kriens hochgelobtem Roman von 2019 würde auch zu ihrem neuen Buch passen. Wieder erzählt die 1975 in Mecklenburg-Vorpommern geborene Autorin von weiblichen Glücksansprüchen, die an Grenzen stoßen. Damals waren es fünf junge Frauen, die fern von Gewalt und Not eigentlich glücklich sein könnten. Doch fast alle Männerbeziehungen im Buch scheitern. Hatten sie überhaupt eine Chance? Die Ansprüche sind so hoch und gleichzeitig dermaßen widersprüchlich. Wie müsste ein Mann denn sein, um ihnen zu genügen? Darüber denkt man mit der Autorin zusammen auch im neuen Buch nach. Rahel und Peter: Zwei kluge Menschen mittleren Alters ohne materielle Sorgen: er Germanistikprofessor in Dresden und sie mit einer psychologischen Praxis ebenda. Woran leiden sie? Oder ist es normal?

Peter hatte einen Shitstorm geerntet, weil er im Hörsaal eine Studierende Frau nannte, obgleich sie transgender war. Es verletzte ihn, wie leichthin Rahel darüber hinwegging, wie sie ihn so gar nicht verstand. Aber das gibt er nur andeutungsweise zu. Man muss beim Lesen erraten, was da zwischen beiden geschieht und welche Ursachen es hat. Rahel war wohl einfach nur mit ihren Problemen beschäftigt und wollte nicht in seinen Frust hineingezogen werden. Sie ist verstört, weil er seit einiger Zeit freundlichen Abstand wahrt und nicht mehr mit ihr schläft. Wie soll er für sie sein? Das fragt man sich. Ein „richtiger Mann“, der ihre Lust befriedigt? Und das während allenthalben von „toxischer Männlichkeit“ geredet wird und ein weißer „Cis Mann“ im öffentlichen Gender-Diskurs so ziemlich das Letzte ist?

Kann der Hof in der Uckermark ein Fluchtpunkt sein, wo Heilung möglich wäre? Sie kümmert sich um den Garten, er sorgt überraschenderweise so gut für die Tiere, dass diese ihm ganz anhänglich werden, und besteht privat auf getrennten Zimmern. Obgleich Psychologin, weiß sie nicht, was in ihm vorgeht. Seine Niedergeschlagenheit passt nicht zu dem, was sie sich wünscht. Sohn Simon macht Karriere bei der Bundeswehr und scheint als einziger nicht unzufrieden zu sein, Klarheit über sein Leben zu haben. Tochter Selma, in Atem gehalten durch ihre beiden Kleinen, überlegt, aus ihrer festen Bindung in eine windige Beziehung zu flüchten, die sie aufregender findet. Wie erwachsene Kinder die Eltern in Zweifel ziehen, bei ihnen die Schuld für eigene Probleme suchen, erlebt Rahel häufig bei ihren Patienten. „Satte Zeiten bringen schwache Menschen hervor, denkt sie, ohne sich selbst davon auszunehmen.“

Alle sind mit sich selbst beschäftigt und brauchen dafür ihre ganze Energie. Und nun noch Corona, was die verbreitete „Alles-wird-immer-schlechter-Angst“ verstärkt. „Es gibt keine Tatsachen mehr, nur noch Konstrukte. Das macht die Menschen irre. Sie spüren, dass etwas nicht stimmt, aber sie bekommen es immer wieder gesagt. So lange und so oft, bis sie dem eigenen Gefühl nicht mehr vertrauen.“ Was Peter da ausspricht, bezeichnet nicht weniger als eine umfassende Gesellschaftskrise. Dabei ist es gutes Zeichen, dass er mal so mit Rahel redet. Später zieht er sie auf seinen Schoß und birgt den Kopf an ihrer Brust. „Sofort versteift sie sich. Sentimentale Männer erträgt sie nicht.“

Oberflächlich betrachtet, handelt es sich bei diesem Buch um eine unterhaltsame  Sommergeschichte, in der zwei Menschen sich einander langsam annähern und die Frau am Ende sogar dem Geheimnis ihrer Herkunft auf die Spur kommt. Doch mit diesen Szenen einer Ehe ist Daniela Krien weit mehr gelungen: ein Bild unseres Lebens, das glücklich sein könnte, es aber so oft nicht ist. Die Kraft des Romans liegt in den vielen wie nebenbei eingestreuten Bemerkungen und unterschwelligen Beobachtungen, die bei der Lektüre eigene Fragen auf den Punkt bringen. „In die Praxis kommen seit Jahren mehr und mehr junge Menschen mit Bildung und Geld und liebevollen Eltern, die überfordert sind von ihrem Leben. Die aus schwer nachvollziehbaren Gründen Beziehungen beenden, Berufe hinschmeißen, Ausbildungen kurz vor dem Abschluss abbrechen … Die Last des guten Lebens“, überlegt Rahel. Peter versteht, ohne dass sie erklären müsste. Und lesend überlegt man, was es mit diesem Unbehagen auf sich hat, inwieweit man es teilt und wie man sich davon befreien könnte. Die Autorin gibt keine Rezepte, lässt ihre Gestalten sinnieren, agieren und überlässt sie unserer Beobachtung, die vielleicht auch zur Selbstbeobachtung werden kann. Wobei es wohl darauf ankommen müsste, überlege ich, einen Ausweg aus der allgegenwärtigen Selbstbezogenheit zu finden, diesem Mehr-Machen, Mehr-Haben, Mehr-Sein. Es wäre ein anderes Lebenskonzept, eine Hinwendung zu mehr Mitmenschlichkeit, wodurch eine andere Gesellschaft vorweggenommen wäre.

Daniela Krien: Der Brand. Roman. Diogenes Verlag, 272 S., geb., 22 €. 

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